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Flucht-Tagebuch

Siehe auch Der Tag vor dem Fluchtbeginn.

Das Flucht-Tagebuch hat meine Mutter Lina Preuß, geb. Mattern aus Kranthau, jeden Tag per Bleistifteintragung in mehreren Heften festgehalten. In Bad Salzdetfurth hat sie dann diese Aufzeichnungen auf Schreibmaschinenseiten übertragen und beschrieben vom 21.01.1945 bis zum 25.03.1945.

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Inhalt

1945
Jan   21 22 23 24 24a   25 26 27
Feb   18 20 21 22 23   24 25 26 27 28
Mär   01 02 03 04 05   06 07 08 09 10   11 12 13 14 15   16 17 18 19 20   21 22 23 24 25   26 27 28 29 30   31
Apr   01 02-10 08 09 10  11 13 15 16 17  18 19 20 21 23  25 26 27 28 29
Mai   12 13 14 15 16  17 18 20 21 23  24 25 27 28 29  31
Jun   01 03 06 10 12  13 22
Jul   22
Aug   07 23 24 26 30
Okt   09 17 24 27
Nov   04
1946   Jan   13 17 29
Feb   01 08 09 18
Nov   10 24

 

Das Flucht-Tagebuch

Lina Preuß

 

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Die Flucht begann am Sonntag, den 21. Januar 1945 um 10 Uhr vormittags von unserem Heimatdorf Kranthau, Post Horn, Kreis Mohrungen/Ostpreußen.

Ein Arbeitswagen mit Dach aus Planen, beladen mit nur den allernötigsten Kleidungsstücken, Nahrung und Betten, Wolldecken, Pelzen und sehr reichlich Hafer und Kleeheu für die 3 Pferde. Über unser und Nachbar Steckels Feld bis zur Chaussee. Die Straße weiter bis Mohrungen, wollten am Ausgang weiter in Richtung Maldeuten. Da war alles schon verstopft mit Treck. Bis Mohrungen sind es etwa 7 km. Wir fuhren zusammen mit meiner Schwester Emma Weiß und ihren Töchtern Charlotte und Regina.

Auf unserem Wagen befanden sich außer mir noch meine Mutter Wilhelmine Mattern, geb. Weiß, geb. 1.2.1872 in Himmelforth, Witwe meines Vaters, des Bauern Leopold Mattern, geb. 13.4.1862 in Kranthau. Der Bauernhof hatte damals eine Größe von weit über 200 Morgen. Es mußte nach einem Brand am 9. August 1904, wo alle Gebäude im Dorf abgebrannt waren, Land verkauft werden, weil Geld gebraucht wurde zum Aufbau der 4 neuen Gebäude auf der Feldmark. Mein Vater starb am 17.7.1926 in Kranthau an Embolie. Er war nie vorher krank gewesen. Meine Mutter starb am 11.11.1948 in Bad Salzdetfurth an Herzschlag. Auch sie war nie wesentlich krank gewesen.

Außer meiner Mutter waren unsere 3 Kinder Ellinor, Irene und Frank-Leopold und der Pole Peter Goreci auf dem Wagen, also 6 Menschen. Peter Goreci war ca. 4 Jahre vorher als ausländischer Arbeiter auf unserm Bauernhof schon tätig. Peter und ich haben uns auf der 10 Wochen langen Flucht mit Pferdelenken abgewechselt, so hat er mir damit sehr viel geholfen, meine Familie bis Bad Salzdetfurth zu bringen, trotzdem Peter in Polen selbst eine kleine Landwirtschaft, Frau und Kinder besaß. Ihm sei an dieser Stelle in großer Dankbarkeit gedacht.

Da nach Richtung Maldeuten die Straße verstopft war, fuhren wir über Hagenau weiter. Da die Straße teils hoch verschneit, teils spiegelglatt war, kamen wir nur sehr langsam vorwärts. In Hagenau haben wir zum ersten Male übernachtet bei einem Bauern.

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Montag, 22.01.1945 morgens, fuhren wir weiter bis Löpen. Hier war meine älter Schwester Grete, seit 1921 mit Richard Gehrmann verheiratet auf einem Bauernhof. Sie haben 4 Kinder: Waltraud, Dorothee, Manfred und Rudolf. Nur Dorothee war zu Hause, Waltraut in der Ausbildung, beide Söhne zum letzten Einsatz eingezogen. Gehrmanns waren beim Packen. Wir übernachteten dort und als wir Dienstag früh weiterfahren wollten, lag hoher Neuschnee. Es wäre zwecklos gewesen, mit dem Wagen weiterfahren zu wollen.

Mein jüngster Bruder, Bruno Mattern, geb. 18.02.1918, damals als Soldat in Urlaub gerade in Kranthau anwesend, hat uns auf der Flucht bis Marienburg/Westpreußen begleitet, wo er als Soldat wieder zum Einsatz kam. Er hat mit unserem dritten Pferd als Reitpferd ab Löpen oft den Treck von nunmehr 3 Familien flott gemacht — im verlassenen Dorf Löpen Schlitten organisiert, z.T. zwei zusammen gekoppelt, und wir haben von Wagen auf Schlitten umgeladen.

Vergessen zu erwähnen habe ich, daß die seit Herbst 1944 bei uns evakuierte Frau Lydia Schobert mit ihrer Tochter Inge gleichzeitig von unserem Hof aus am 21.01.1945 mit auf unserem Treck bis zur Nogatbrücke war. Eine bei uns ebenfalls evakuierte Familie Kurbjuweit fuhr am selben Tage selbständig weiter auf die Flucht. Beide Familien stammen aus den ostpreußischen Grenzkreisen.

Wir waren noch lange nicht mit Umladen fertig, da hörten wir schon aus der Nähe Gewehrfeuer. Nun blieben außer Nahrungsmittel auch wertvolle Pelze und sonstige warme Sachen liegen. In größter Eile wurden die Pferde vor die Schlitten gespannt, schnell die Kinder warm eingepackt, abgefahren. Frau Schober besaß nur ein Pferd und hatte bis Löpen unser drittes Pferd mit ihrem zusammengespannt. Ab Löpen fuhr sie den auch für sie organisierten Spazierschlitten einspännig. Gehrmanns fuhren ausserdem noch zwei schwerbeladene Arbeitswagen zweispännig, einen lenkte Richard, den andern Dorothee. Gehrmanns hatten noch Frau Hedwig Janzen, Richards Schwester, mit Kindern auf einem ihrer Wagen. Später haben sie dieselben irgendwo abgesetzt, ich glaube in Wiesenthal.

Ab Löpen waren also auf unserm Familientreck 6 Schlitten: Je einen Preuß, Weiß, Schober und drei Gehrmann. Wir hatten an dem Morgen nicht Zeit zum Essen gehabt. Die Zunge klebte bei der Abfahrt am Gaumen. Ich war froh, daß ich meine Familie um mich hatte.

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Dienstag, 23.01.1945. Morgens fuhren wir in größter Hast von Löpen ab. Da gute Schlittenbahn war, ging es nun schnell vorwärts bis Reichenbach. Hier nun hörten wir Gewehrfeuer von der anderen Seite. Deshalb fuhren wir nicht wie vorgesehen über Christburg-Stuhm, sondern Richtung Posilge, durch die Niederung an Markushof vorbei. Unübersehbare Trecks von allen Wegen auf die Hauptstraße zukommend. Ein ganz eigenartiges Gefühl rief dieser Anblick hervor. Ganz kleine Futterpause für die Pferde, dann wieder weiter auf einsamen Wegen, die Bruno aber gut kannte von seiner Lehrzeit als Gärtner in Marienburg. Er hatte während dieser Lehrzeit viel Tannengrün holen müssen. Wir begegneten auf dieser Strecke fast niemand. Die Schlitten glitten lautlos im weichen Schnee. Die Pferdehufe waren kaum zu hören, Schlittenglocken hatten wir keine. Es war hellster Mondenschein. Unirdisch, unwirklich kam es uns vor, diese Stille. Trotz höchster nervlicher Anspannung rief ich einmal Frau Schober zu: "Machen wir nicht eine seltsam zauberhafte Schlitten-Spazierfahrt.

In Markushof war es wohl, wo wir viel gutes Kleeheu von guten Menschen bekamen. Nur waren die Schlitten zu klein, um genügend mitzunehmen. So habe ich eine Schicht Klee hinter dem vorderen Sitz, wo Mutter, Peter und ich saßen, möglichst glatt hingelegt, die 3 Kinder nebenan darauf, mit Klee zugedeckt und einen Strick darüber geschnürt, weil es sehr eng war. Trotzdem hatte ich immer eine Hand hinten und zählte unaufhörlich eins, zwei, drei, damit mir ja keines verloren ging.

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Nach 18 Stunden dieser Fahrt liefen wir Marienburg an. Um 3 Uhr nachts zu Mittwoch, den 24. Januar, auf Bartels Hof. Dieser war ein Nachbarhof von Bruno Neumanns Geschäftsgrundstück. Bruno Neumann hatte ein Hausgrundstück mit Zigarrenspezialgeschäft. Er hatte im August 1927 meine ältere Schwester Ida geheiratet. Diese letzte, mindestens 70 km lange Strecke war nur dem Umstand zu danken, daß wir dieses junge dritte Pferd mitgenommen hatten, unsern "Pierrot" — er war noch nie vor einem Wagen oder unter einem Reiter gegangen. Trotzdem hatte ihn Bruder Bruno geritten und auf der Strecke von Löpen bis Reichenbach die Straße für uns frei gemacht.

Alle anderen Trecks waren mit Wagen unterwegs und kamen kaum vorwärts, weil es glatt und voll Schnee war. Kurz vor Marienburg einfahrend wurde Bruno vom Militär von unserem Treck weggenommen, da er von der Wehrmacht durch Tragen seiner Militärstiefel als Soldat erkannt wurde und in die Kampftrupe sollte. Etwa eine Nacht hatte er auf einem Stuhl sitzend dort verbracht, dann hat er sich dünne gemacht und ein draußen stehendes Reitpferd am Zügel erfasst, es kam mit und er ritt weiter bis zu Bruno Neumanns Haus in Marienburg in der Elbingerstr. 523.

Gehrmanns Instfrau Kunkel aus Löpen wurde in Marienburg auf die Bahn gesetzt und ein Schlitten von Gehrmanns abgehängt. Immer fuhr Richard Gehrmann als erstes Fahrzeug voran, ich immer als letztes und machte die Nachhut bis zum Schluß.

Bei Brodsende oder Posilge, an einer Wegkreuzung, trafen wir den mir sehr gut bekannten Tierarzt aus Mohrungen Major Jäschke, der den Auftrag hatte, mit einigen Soldaten ein Remonte-Depot über die Weichsel zu bringen.

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Mittwoch früh, den 24.01.1945, um 6:30 Uhr von Marienburg weiter über die Nogatbrücke durch die Stadt Marienburg gefahren. Hinter der Stadt wurde die Straße je länger je schlechter. In Kalthof blieben wir einfach liegen, es ging mit Schlitten nicht weiter. Ein Straßenoffizier sagte: „In 10 Minuten müssen sie weiter oder werden in den Straßengraben gekippt, die Straße muß frei bleiben!"

Schwester Emma kam zu mir: Gib mir genügend Zigaretten, ich gehe und versuche für dich und für mich einen Wagen zu bekommen. Du paßt derweil auch auf meinen Wagen und auf meine Kinder auf.

So geschah es auch. Zwei Wagen, leider viel kleiner als unsere von Kranthau aus. Wir luden um. Auf Emmas Wagen wurde viel von Gehrmanns und Janzens Sachen geladen. Dann hatte Richard Gehrmann für sich einen großen Leiterwagen besorgen können und luden von sich alles auf. Grete fuhr mit einem Schlitten weiter mit 2 Pferden.

Diese große 20 Stunden lange Fahrt durch die Niederung und über die große Weichselbrücke war eine so große Strapaze für Pferde und Menschen, die sich gar nicht beschreiben läßt. Nachts hatten wir mindestens 20° Frost!

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Dieses war die Nacht vom 24. zum 25. Januar. Ununterbrochen rollten 2 Reihen, zuweilen 3 Reihen Trecks; eine Reihe Militär, Panzer, Gefangene, Remontedepots usw. aus der Provinz Ostpreußen heraus und eine Reihe, hauptsächlich Militär auch noch wieder zurück. Kaum zu glauben, aber es war so. Zumindest ist stellenweise die Brücke oder die Straße vor und hinterher so breit gewesen damals. Beinahe wäre Gehrmanns Schlitten einmal überfahren worden.

Da unser derzeitiger Wagen auf eine solche Tour nicht vorbereitet war — handhohe Eisschicht auf dem Bretterboden, die Peter mit Axt loseiste — blieb ein Wagenrad direkt auf der Brücke stehen. Glücklicherweise hatten wir beim Umladen von Wagen auf Schlitten und von Schlitten auf Wagen etwas Handwerkszeug und auch Wagenschmiere gerettet. Aber wie schmieren in dieser Situation? Wieder waren Zigaretten meine Rettung. Wie gut, daß Mutter Wilhelmine und ich unsere Raucherzuteilung nicht vorher verqualmt hatten und Walter auch kein starker Raucher war. Einige zu Fuß flüchtende Soldaten sehr demütig um Hilfe gebeten, Zigaretten gegeben. So halfen sie, Peter und mir, Mutter nahm die Leine — mit Gottes Hilfe schafften wir auch das.

Noch ein Zwischenfall soll nicht unerwähnt bleiben: An Schwester Edith's Hochzeit waren einige Flaschen Alkoholika übrig geblieben, wir nahmen sie mit. Mutter Wilhelmine hatte sie bis dato vor dem Erfrieren zu schützen gewußt. Eine große Flasche Tinte war zerfroren, Inhalt hatte sich über Wäsche usw. verewigt. Die Alkoholika haben uns vor einer Erfrierung auf mancherlei Art geholfen. Auch auf dieser Brücke war's: Ich konnte und konnte mich nicht mehr wach halten, rauchte die zweite Zigarette meines Lebens — die erste im Pfarrhaus Kalff, als Johannes Kalff, unser damaliger Pfarrer, wohl das letzte Mal auf Urlaub war — Dorothee dreht sich um und ruft ganz laut: Mutti, Mutti, Tante Lina raucht!

Morgens um 4 Uhr langten wir in Baldau an und wollten nun unter allen Umständen etwas schlafen. In einer Russenbude heißen Kaffee gemacht, bißchen gegessen — da hieß es, „der Russe kommt!, Stößt von unten weiter vor!" Deshalb kein Schlaf, keine Ruhe. Wieder aufgepackt, wieder weiter. Sprengungen und Kanonendonner waren nah zu hören. Also gleich wieder weiter, es ging ganz, ganz langsam, da sehr bergig und sehr glatt. Nur wenige Kilometer und wir bogen seitlich links ab auf ein Gehöft. Wir tranken Kaffee, Milch, aßen und fuhren im Dunkeln durch Dirschau. Suchten hinter der Stadt Quartier. Für Menschen war es z. T. möglich. Wagen zusammengefahren, Pferde rund um die Wagen gebunden — eine sogenannte Wagenburg. Großmama mit den drei Kindern auf unserem Wagen geschlafen. Peter, Grete und ich abwechselnd die ganze Nacht Wache gehalten. Diese Nacht zog eine andere Flüchtlingsfrau mit Gretes Kaffee-Schillingsbüchse schon ab. Grete merkte so etwas, lief ihr nach und riß ihr die Büchse aus den Klauen. Kinder morgens starr vor Kälte. Um 5 Uhr nahm ich alle nach oben in ein Elendszimmer, wo uns eine gute Frau heiße Pellkartoffeln reichte und wir hatten wohl noch von unserer mitgenommenen Butter dazu — heiße Pellkartoffeln, ein Gottesgeschenk!! Unsere Wirtin unverdrossen heißen Kaffee gekocht, unsere Münder waren ausgebrannt.

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Am 26.01.1945 ungefähr um 7 Uhr früh reihten wir uns wieder in die treckenden Wagen auf der Landstraße ein, meistens noch immer mehrere Reihen Trecks. Es ging sehr langsam vorwärts, da dauernd Halt war. Gestern vor, auf und nach der Weichselbrücke immer abwechselnd paar Stunden gehalten. Als wir unser Wagenrad wechseln mußten, waren da gerade nur ganz kurze Haltepausen und es war sehr schwierig. — Wir bogen rechts in eine Nebenchaussee, die nicht so befahren war, gleich danach größeren Hof gefunden, Rast gemacht, Kaffee gebrüht, gegessen. Richard Kartoffeln, Soße, Fleisch; Großmama Kartoffeln und Soße auf dem Wagen gegessen.

Nach zweistündiger Rast weiter. Orte, die von den Bewohnern verlassen und stark mit Militär belegt waren. Dorothees Schlitten in schwarzen Wagen umgesetzt, da Schlittenbahn ganz zu Ende war.

Im nächsten Ort war viel Militär. Am Ende des nächsten Ortes räumte uns das Militär ein Zimmer ein, wir alle hinein, 21 Personen und Peter im Stall. Ich hielt Nachtwache an den Wagen mit Dorothee bis 24 Uhr, dann Ablösung. Dieses war die Nacht vom Freitag, 26.01. zum Sonnabend, 27.01.1945.

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Sonnabend, 27.01.1945 früh ging es weiter, nun immer bergan, denn es kam die Danziger Höhe, dazu setzte Schneewetter ein. An sich lag schon hoch Schnee und es schien aussichtslos, noch sehr weit zu fahren. Überall fragten wir nach Unterkunft — alles besetzt. Wagen standen an jedem kleinsten Haus. Der Mut sank unter Null. Endlich ein Wachtmeister. Richard fragte ihn und bog sofort rechts ein. Es ging nach Wiesenthal bei Lehmberg über Praust, Danziger-Land.

Ich bekam Quartier beim Bürgermeister Krisin, Gehrmanns die Küche nebenan. Emma Weiß kam bei Zeller unter.

 

Drei Wochen Zwangspause in Wiesenthal bis Sonntag, den 18.02.1945, dann ging es erst weiter. Der meterhohe Schnee ließ kein Weiterfahren zu und wir waren alle erschöpft.

 

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18.02.1945. Abfahrt von Wiesenthal früh um 9 Uhr über Trockenhütte und Berent. Ca. 3 km vor Berent, als Straßenoffizier Herrn Basner aus Herzogwalde getroffen und gesprochen.

Es ging nun durchs Kampfgebiet, daher war dort alles geräumt und kein Quartier zu bekommen. Deshalb mußten wir durchtrecken bis Bütow. Dort trotz unendlicher Bemühungen kein Quartier, weder für Pferde, noch für Menschen! Erste kalte Verpflegung von einer Stelle bekommen. Grete hier sehr krank, ich sie am Arm gehabt, von Haus zu Haus mit ihr gegangen, um wenigstens eine Bierstube mit ein paar Stühlen zusammen gestellt zu bekommen — nichts! Nachts im Wagen gekniet, da nicht alle Platz im Wagen zum Schlafen hatten.

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Dienstag, 20.02.1945. Früh um 5 Uhr ich alle mobil gemacht, Pferde gefüttert, auf NSV gefrühstückt und um 7 Uhr morgens — trotz Richards Weigerung, er wolle erst Pferde zum Erwärmen in jetzt leere Ställe bringen und sehr viel später losfahren — weitergefahren. Die anderen kamen dann doch auch nach. Abfahrt Richtung Zuckers.

Um 8:30 Uhr bei sehr schlechten Wegen, ½ m tiefe Schlaglöcher, Eiswege usw., schlechtes Vorwärtskommen — rums — rums — rums — Bomben auf Bütow; 9 Uhr nochmals. Ich drehte mich zu Mutter Wilhelmine um: „Großmama, hörst Du? Jetzt hätten sie uns sicher auch schon einen Salon zum Übernachten gegeben!" 12 Uhr noch mal Bomben auf Bütow gefallen — bis gegen Abend.

Getreckt bis 14 Uhr nach Altkolziglow, Nachtquartier in Neukolziglow angewiesen. In Altkolziglow erhielten wir erstes warmes Essen auf der Flucht. In Neukolziglow sehr, sehr gutes Quartier bei Frau Taube in der Raiffeisengenossenschaft: Schönes Zimmer mit zwei weißbezogene Betten, Waschtoilette, Handtücher usw.. Sehr gute Menschen, Verpflegung erhalten: Brot, Butter, Fleisch; Pferde je Kopf 5 Pfund Hafer.

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Mittwoch, den 21.02.1945. Alle Wagen geschmiert. Abfahrt um 9 Uhr über Zuckers. In Bartin zu Mittag gegessen: Kartoffelsuppe von NSV. Zwei km weitergetreckt, abseits der Chaussee nach Zieglitz, ein Gut mit Bauern. Pferde stehen im Schauer, reichlich Heu erhalten. Ein Zimmer mit Stroh für alle Personen. Großmama und Hilde schlafen auf Wagen als Wache. Wehrmacht lag da, ich schickte Irene mit großer grauer Kanne nach Erbsensuppe zum Abendbrot, schmeckte sehr gut und reichte für alle 14 Personen.

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Donnerstag, 22.02.1945. Meine Füße heute morgen sehr doll geschwollen. Pferde heute je Kopf 7 Pfd. Hafer. An Emmas Wagen in der Gutsschmiede und Stellmacherei ein Rad und Deichsel in Ordnung bringen lassen. Morgens Brühe mit Fleischstückchen gegessen, von Fleisch, das wir in Kolziglow zugeteilt erhielten. Hier nur für Pferde, für uns keine Zuteilung erhalten. Gestern sehr schöner Tag, abends etwas Regen. Heute aber wieder schönes Wetter.

Kurz vor unserem Losfahren am 22.02.1945 an unserem Pferd „Lora" ein Eisen zerbrochen, schnell noch ausgespannt, neu beschlagen, dann um 10 Uhr vormittags Abfahrt von Zieglitz Richtung Schlave. Kurz vor Schlave Polizei, Personen gezählt: männlich, weiblich, Kinder und Ausländer. In Schlave kalte Verpflegung erhalten: Brot, Butter, Leberwurst.

Dann, auf große Rollstraße Stolp — Stettin gekommen. Fuhr sich aber verhältnismäßig ordentlich, auch nicht sehr viel Trecks auf der Straße, jedenfalls kein Vergleich zu den ersten sieben Trecktagen vom 21. — 27. Januar. In Schlave versäumt Quartierscheine zu holen — sollten nun unterwegs fast wieder kein Quartier bekommen. Abends 6 Uhr 2 km ab der Asphaltstraße in Göritz sehr gutes Quartier erhalten bei Bauer Schmidt; Emmis Pferde bei Tietz, Gehrmanns bei Beversdorf, Preuß und Weiß bei Schmidt, Strohlager für 7 Personen. Reichlich Decken und Betten, Gesicht und Füße gewaschen. Abends von NSV-Küche große Kanne gute Wruckensuppe, kleinere Kanne gute Milchsuppe, Milch für Kinder und Brot erhalten. Zum ersten Frühstück für morgen auch gleich fertige Stullen, Wurst und Schmalz bekommen. Von Frau Schmidt noch 2 l. frische Milch extra. Also alles in allem sehr gutes Frühstück und Quartier, zumal Pferde reichlich gutes Heu und 8 Pfund Hafer erhielten. Jetzt 20 Uhr, fertig mit allem, zu Bett, da auch bis 9 Uhr elektrisches Licht nicht brennt.

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Freitag, 23.02.1945. Bei Schmidt nochmals reichlich Milch erhalten, 10 Pfund Hafer mehr für 5 Pferde und noch 2 Bündel Heu zum Mitnehmen. Morgens 8 Uhr Abfahrt Richtung Köslin. Erstmals durch Zannow, eine Stadt, wohl größer als Mohrungen. Von Zannow bis Köslin ein einmaliger Berg, immerzu egal ansteigend bis Köslin, hier 2 Std. durchgefahren, dann ab Richtung Kolberg. Erstes Dorf heißt Güldenhagen — hier alles sehr voller Flüchtlinge.

Pferde und Menschen müssen mal wieder draußen übernachten. Wie in Bütow, bloß hier noch viel schlimmer, da Regen und Schneematsch, nachts auch Schnee gefallen. Da nicht mehr auszuhalten, sind wir am

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24.02. um 4 Uhr nachts losgefahren, nachdem Pferde gefüttert, Richtung Kolberg. Wohl die schlimmste Nacht für mich und alle andern auch. Bis 9 Uhr vormittags gefahren, dann Quartier auf Gut Timmenhagen: Sehr schlechtes Quartier: Große Zimmer mit viel Stroh, 2 Tische, 3 Stühle, sonst nichts. Ein Grauen ohnegleichen für uns. Erstes, wenn auch nicht größtes Massenquartier für uns.

Aber was machen, mußten dableiben, da Pferde und Menschen nach allem wieder mal voll erledigt waren. Kalte Verpflegung erhalten, selbst-gebackenes olles Klitschbrot, bißchen Butter. Heu reichlich für Pferde, aber schlechtes Schnittheu. 12 Uhr mittags alle ein bißchen hingelegt, 13:30 Uhr aufgestanden, Pferde versorgt, zum Bürgermeister gegangen usw.. Um 16 Uhr warmes Essen empfangen, Kartoffeln mit Sauerkraut, dann hingelegt. Richard, Dora, Peter auf Wagen, alle andern im Massenquartier geschlafen. Nachts 3:30 Uhr aufgestanden, um 7 Uhr abgefahren.

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Sonntag, 25.02.1945. 7 Uhr abgefahren Richtung Kolberg. 3 Std. ganz allein gefahren ohne andere Trecks, aber die Asphaltchaussee furchtbar ausgefahren, so 8 km lang. Rechts am Chausseerand durchgefahren und doller Dreck oben, links am Chausseerand ca. ½ m hoch durchgefahren und Dreck ohnegleichen oben. Dann wurde die Straße etwas besser. Bis Kolberg 19 km gefahren. Vor Kolberg rechts Flugplatz mit vielen Fliegern gesehen. Sirene gab Alarm. Wir trotzdem in Kolberg auf Schweinemarkt am Wasserturm die 4 Wagen aufgefahren, Pferde gefüttert um ½ 12 Uhr mittags.

Dora , Ellinor und ich wollten zu Gertrud Groß, Havelingerplatz 42 gehen. Auf halben Weg gab es wieder Alarm. Wir zurückgelaufen und wollten schnell abfahren. Karte an Gertrud Groß geschrieben, daselbst in Briefkasten gesteckt, auch noch durch alten fremden Herrn Grüße an sie bestellt, er wollte hingehen.

Dann weiter gefahren. Wollten im Dorf Spie Nachtquartier haben, gab's nicht, erst nach ½ 6 Uhr. Fuhren dann auf Nebenchaussee bis Dorf Nehmer, schmissen uns auch raus, wir wieder auf Hauptchaussee. Dora und ich noch einmal zurück nach Spie, Quartierzettel für Dorf Schwedt erhalten. Dieses Dorf aber 2 km Chaussee und 7 km schlechter Landweg, deshalb weitergefahren, immerzu weiter, trotzdem die Pferde kaum mehr konnten konnten und wir auch alle kaputt waren, weil am Nachmittag olles Regenwetter war.

25.02.1945, wir kamen erst ganz spät abends 7 Uhr in Glansee an. Vorm Dorf noch lange halten müssen. Dora und ich zum Bürgermeister, dann doch für Pferde Unterkunft erhalten, und für Menschen schließlich auch: Gehrmann bei Haak, Preuß und Weiß bei Lüdtke. Pferde und Menschen aber keine Verpflegung für 25. und 26.02 erhalten. Wegen des Regens — trotzdem — gute 45 km heute gefahren, alle patschnaß, Betten und Matratzen im Wagen auch. Am 26.02. noch hier.

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Montag, 26.02.1945. Unser Pferd Pierrot konnte gestern gar nicht mehr gehen, da linker Hinterhuf ganz abgelaufen. Richards Fohlenstute auch krank, deshalb durften wir heute auch hier bleiben. Pierrot auf dem linken Hinterfuß ein Eisen geschlagen bekommen, soll morgen in Treptow die drei anderen Hufe bekommen.

Heute Mittag bei anderer Frau die zwei Suppenhühner gekocht und Pellkartoffeln dazu, herrliches Mittagessen. Abends noch Nudelsuppe davon. Heute alle Wagen geschmiert. Ganzen Tag geregnet. Jetzt 16 Uhr. Brote für morgen fertig machen, schlafen und Schluß.

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Dienstag, 27.02.1945. 8 Uhr Abfahrt nach Treptow, 10 Uhr da. Bis 14 Uhr Schmiedemeister Ihmke: Wagenreparatur, Hufbeschlag: Ein Flüchtling unsere Pferde beschlagen, der acht Tage als Flüchtling unter Russen war, Fürchterliches erzählt!

Dann weiter bis Neu-Zapplin. Bei Herrn Schmidt - 550 Morgen, hauptsächlich Futterheu, kleesicher. Netter alter Herr, gute Wirtin. 12 Pfd. Äpfel bekommen à -,30 RM, Milch reichlich, 30 Eier gekauft. Quartier schlecht. Ich mit den 5 Kindern in Scheune geschlafen. Großmutter mit Richard in ollem Zimmer. Emma, Grete, Dora, Peter auf den Wagen. — Wildgänse gezogen, Lerche gesungen.

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Mittwoch, 28.02.1945. Gut geschlafen, ½ 10 Uhr abgefahren. Richtung Cammin, 12 km vorher umgeleitet nach Stresow, Pflasterweg.

In Stresow unser Treck Quartier bei Ortsbauernführer Ziemer um 17 Uhr — 4 Bauern im Dorf nur. Hof ca. 300 Morgen groß. Frau Ziemer ist Lehrfrau, Haus alles in Ordnung, Wasserleitung, Spülklosett usw.. Wir aber oben dunkles Zimmer mit Stroh, nur Löpener Großmutter unten im Herrenzimmer auf Chaiselongue. Dora daneben auf Sofa. Emma, Hildchen, Peter auf Wagen. Verpflegungsküche hier, aber reichte nicht für uns.

Daher hier im Haus gekocht: Pellkartoffeln, Bohnen mit Speck, von uns Klops dazu. Am weißgedeckten Tisch getafelt. Nach dem Abendbrot mit der Dame des Hauses, ihrem Mann und ihrer Mutter sehr nett unterhalten. 21:30 Uhr schlafen gegangen.

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Donnerstag, 01.03.1945. 6 Uhr aufgestanden. Bei Frau Ziemer am gedeckten Tisch Kaffee getrunken und Sirup erhalten. 2 l. Milch für Kinder, gelbe Wrucken und ein paar Möhren roh für die Kinder. In Ruhe alles fertig gemacht, da heute später Abfahrt, weil Richard seine hochtragende Stute in anderes Pferd umtauschen will. Pferd in vierjährigen schwarzen Wallach eingetauscht und Richard noch 500 Mark und 2 Ztr. Hafer zubekommen.

½ 11 Uhr weiter gefahren, noch 8 km bis Cammin. In Cammin Kaufmann Saath aus Mohrungen getroffen. Derselbe bis Montag, den 22. Januar abends in Mohrungen gewesen und viel noch von da erzählt., abends 8 Uhr der Russe in Mohrungen drin. Saath wollte wissen, daß Oskar Fischer, Scheffler, Herrndörffer und Günther weg sind. Iffland abends den 23.01. auch noch nicht weg, noch rumgeirrt am Bahnhof usw..

In Cammin Richtung Inseln geleitet, am Ausgang gleich Quartierschein für Düssin erhalten. In Düssin bei Frau Schlei Quartier erhalten. Sturm pustet durchs ganze Haus, auch altes olles Haus, aber sehr nette Frau und netter alter Opa. Pferde Heu. Weiß und Preuß in einem Zimmer. Gleich Kartoffeln gekocht bekommen, dazu Gulasch. Abends von reiner Vollmilch Milchsuppe mit Gries gekocht, schmeckte wundervoll. Ellinor auf Sofa geschlafen, die Reichauer unten am Ofen. Im anderen Zimmer zwei Betten für Großmama und Irene, Frank-Leopold und mich. Sehr gut geschlafen.

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Freitag, 2.03.1945. Morgens früh kommt Grete, die bei Ortsbauernführer Stock in Düssin sind, mit der Nachricht, daß ihre zweite Stute gefohlt und ein starkes, gesundes Fohlen hat.

Deshalb trennen wir uns von Gehrmanns, die etwa drei Tage bis Montag dableiben wollen.

Unsere zwei Wagen Preuß und Weiß trecken allein weiter. Straße heute fast frei von Trecks. 14 km bis Hagen, das ist dicht vor der Brücke vor Wollin. 12:15 Uhr vor der Brücke angelangt und bis 13:30 Uhr in längerem Treck gestanden. Ich gehe bis kurz vor die Brücke links zur Treckleitstelle, da wurde mir der Bescheid, daß heute keine Trecks mehr rüberkommen, weil zu viele schwache und kranke Pferde auf den Inseln liegen, deshalb kommen jeden Tag nur immer wenige Trecks über die Brücke. Wir wurden 3,5 km ab von Hagen-Wollin ins Quartier nach Kunow geleitet. Hier ins Dorf ca. 40 Wagen.

Wir bei Ortsbauernführer Krüger im Quartier. Sehr großes neues Haus, Wasserleitung, Spülklosett, elektrischer großer Backofen usw.. Sehr gutes Quartier. Wir ein Zimmer zusammen mit einer Familie aus Köslin-Schlawe, da hören wir Panzer!

Abends 8 Uhr Wehrmachtbericht im Zimmer von Krüger gehört: Radiosprecher Rosenberg sagt: Der Feind hat die Straße Schlawe-Köslin erreicht, also, wo wir vor knapp 8 Tagen durchfuhren. Kämpfe Mehlsack-Zinten und nordwestlich Königsberg!

Als wir hier ankamen, erhielten wir sehr bald von Frau Krüger am Tisch Kaffee, Brot, Marmelade. Abends Wruckeneintopf und Milchsuppe hinterher. Krüger: Zwei Verwandte, die ein Doppelhaus bewohnen, Doppel-Scheune, der Stall soll noch gebaut werden, je 140 Morgen Mittelboden, schlechte Weiden, sonst guter Mittelboden, kleesicher, Hafer, Gerste, alles, nur Weizen nicht so gut. Bei Krügers Warmluftheizung angesehen, ich fand das sehr schön. — Den ganzen Tag sehr starker Sturm, Windstärke 11.

Unterwegs Familie Kurkowski aus Taabern bei Miswalde getroffen, die auch hier im Dorf einquartiert sind, meinten, daß Schwägerin Liesbeth Preuß aus Kolteney mit ihren drei Kindern auch abgefahren ist.

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Samstag, 3.03.1945. Frank-Leopolds Geburtstag, er wird 6 Jahre alt, eine Stange Pfefferminzplätzchen geschenkt. 5 Uhr aufgestanden. Äpfel von Tante Emma, von Mutti letzte kleine Kuchen von Zuhause, letzten Saft von Wiesenthal. Wiederum von Frau Krüger Kaffee, Brot, Marmelade und Wurstbrote erhalten.

Ersten Tag Treck ohne Gehrmanns. ½ 8 Uhr Abfahrt von Kunow. ½ 9 Uhr vor der Brücke vor Wollin. Ca. 10 Uhr über Brücke gerollt. Treck Nr. 34, zusammengestellt von 22 Wagen, Treckführer: Herr Jaeschke, Gr. Steinsdorf, Kr. Rosenberg. Ging alles in Ordnung, sehr manierlich gefahren. 26 km bis Dorf Pritter.

Kurkowski, Taabern, mit im Treck. Ein Dorf durchfahren, zum ersten Male Milchsuppe für Kinder von Rote-Kreuz-Schwestern an den Wagen gebracht. Dann Busch und Wald bis vor Dorf Pritter. Um 15:30 Uhr vor Dorf. Ausgespannt, Pierrot Eisen vom linken Hinterhuf vorgenommen. Hufgeschwüre, schon alles vereitert, aufgemacht, auslaufen lassen und frisch beschlagen. Den ganzen Tag Angst um Pierrot gehabt, weil er sehr stark lahmte, bei jedem Halt sich hinlegte und sehr müde war. Dann Hafer und Haferstroh vom anderen Ende des Dorfes geholt. Warmes Essen, Gemüsesuppe. 18:30 Uhr kalte Verpflegung, Brot, Butter, Wurst erhalten. Stullen gemacht für morgen. Um 8 Uhr abends zu Bett. Wagen auf Straße: Großmama schläft in unserem, Peter im Reichauer Wagen. Pferde in der Scheune. Wir anderen ein Zimmer mit zwei frisch bezogenen Betten, eines für Emma, Regina, Charlotte, anderes für mich und Frank-Leopold, Ellinor und Irene auf Pelzdecke am Fußboden.

Quartier bei Frau Heppner in Kunow.

Alter Mann erzählte, daß Ostpreußen und Mohrunger schon vor drei Wochen hier durchgetreckt sind, auch, daß Hindenburg und seine Frau nach Swinemünde gebracht worden sind. Der Sohn Hindenburg soll selbst mit seinen Leuten vorige Woche auch hier durchgetreckt sein. Morgen soll um 5:30 Uhr abgefahren werden, hoffentlich verschlafen wir nicht. Heute 6 km vor Swinemünde Rast.

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Sonntag, 4.03.1945. 4:30 Uhr aufgestanden, 10 Minuten vor 6 Uhr Abfahrt von Pritter, 2 km bis zur Hauptstraße, kurz davor gestanden bis 9:30 Uhr, da um ca. 8 Uhr dem Treckführer Jaeschke eine Stute gefohlt, mit derselben zurück nach Pritter. Jaeschke scheidet aus Treck aus, Kurkowski, Mohrungen, soll Treck übernehmen, ist bei Abfahrt nicht da. Deshalb fahren unsere zwei Wagen Weiß und Preuß allein weiter. Von Wollin bis Swinemünde bisher beste Asphaltstraße gefahren. Insel Wollin auch Verpflegung besser als in Pommern. Vor Abfahrt auf Hauptstraße noch warmes Essen, richtigen Gemüseeintopf mit Kohlrabi, Möhren, Sellerie usw. vom Küchenhilfszug an Eisenbahn geholt. 2 Köpfe Weißkohl und 7 große blaue Kohlrabi zum Rohessen bekommen. Für Pferde großen Sack Kartoffelschale aus Hilfszug geholt und Pferde gleich noch mit Schalen gefüttert.

2 km vor Swinemünde stehen wir nun wieder da, ab 9 Uhr Stop. 10:30 Uhr. Eben ein Zug Marinesoldaten vorbeimarschiert, dieselben kurz vorher mit Singen aufgehört. Ein Hebekran im Schneegestöber zu sehen — seit 2 Std. fällt nasser Schnee.

Aus Zeitungen vom 28.02.: Post für Rückgeführte: Wartheland, Westpreußen, Ostrpreußen und Ostland gehören zur Bezirksnachsendestelle Berlin. Nach polizeilicher Anmeldung wird eine Meldekarte dahingeschickt. Selbst schickt man, wenn man ganz sicher gehen will, der Zentralschriftenvermittlungsstelle der Reichspost in Berlin eine einfache Postkarte mit seiner alten und neuen Anschrift zu.

11 Uhr wurde heißer Kaffee auf Wagen gereicht. Jetzt 11:30 Uhr, wir stehen immer noch, 17:30 Uhr: stehen immer noch. Ellinor und ich zu den kleinen beiden Fähren runtergegangen und uns angesehen. Dort vom Kreiskassenleiter aus Braunsberg gehört, daß der Volkssturm Mohrungen aus der Angerappstellung zum Kampf gekommen, dann nach Braunsberg zurückgezogen ist, 12 Tote gehabt hat, in Braunsberg die Wehrfähigen der Wehrmacht beigegeben worden sind und die anderen aus der Provinz Ostpreußen rausgekommen sind. Außerdem mit hohem Marineoffizier und seiner Gattin längere Zeit an der Fähre über Ostpreußen, Treck usw., unterhalten.

Um ½ 7 Uhr abends ein Gummiwagen mit Erbsensuppe längs der unentwegt stehenden Trecks gefahren und ausgeteilt. — 8 Std. direkt auf einer Stelle gestanden, ohne daß es auch nur eine Pferdelänge weitergegangen ist. Nachdem ich und auch andere zwei vorbeigehende Parteimenschen und zwei Wehrmachtsangehörigen gesagt hatten und dieselben Luft machen gingen , fingen die Trecks allmählich an, ab und zu ein bißchen aufzufahren. Trotzdem es nur 10 — 15 Minuten Fußweg bis zur Fähre waren, dauerte es bis ½ 1 Uhr nachts, bis wir rankamen. Dann 22 Wagen zur „Alten Fähre" = Eisenbahnfähre. Überfahrt = ca. 5 Minuten! Aber, bis aufgefahren und abgefahren, dauerte es 1 Stunde, also bis ½ 2 Uhr nachts. Ein Straßensoldat geleitet uns bis zur Straße in die Stadt. Durch die Straßen der Stadt bis zur Reichsstraße habe ich voran zu Fuß den Treck geleitet. Dann ging es weiter bis nach Dargen zum Auffanglager.

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Montag, 5.03.1945. Morgens punkt 6 Uhr Ankunft in Dargen. Vom Treck 34 aber nur Emmis und mein Wagen und 20 Wagen vom Treck 33. Von 6 — 9 Uhr in Dargen auf Treckstelle gestanden, bis wir Zettel zum Empfang von Hafer, warmen Essen und Brot erhielten, weil unser Treckführer Jaeschke mit dem Treckzettel nicht mit der Fähre mit rübergekommen war, nur unsere 2 Wagen. Mit der nächsten Eisenbahnfähre kam Kurkowski mit 7 Wagen von Treck Nr. 34. Diese Wagen um 8 - ½ 9 Uhr in Dargen angelangt — Jaeschke mittags noch nicht da. Gute Asphaltschaussee, aber da nach dem vorhergehenden Schnee-Regen etwas Nachtfrost, sehr glatt.

Hier in Dargen großes Trecklager mit Baracken auf großem Platz, Verpflegung erhalten durch Anstellen. Pferde in Baracken, wir im Kinderheim ein Zimmer mit Massenquartier. Im Kinderheim auch eine Ärztin, die mir Baldriantropfen, Pyramidon und Ichtholan auf Finger gegeben hat. Emma ging auf ihren Wagen schlafen, da sie doch nachts durchgefahren ist.

Abfahrt Dargen Montag, 5.03. mittags 2 Uhr bei schönem Sonnenwetter. Von Swinemünde nach Usedom sind es 26,5 km. Gefahren durch die Stadt Usedom nach Zecherin, es liegt 1 km von der Hauptstraße, dicht vor der großen Brücke. In Zecherin bei Troetz Quartier bekommen. Frau Troetz, eine alte Dame, der Bauer selbst hat im Dorf noch einen anderen Hof. Etwas Milch bekommen. Ein Zimmer mit noch einer anderen Familie. Für uns 8 Personen ein Bett, ein Feldbett, ein Sofa und auf Zimmerboden.

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Dienstag, 6.03.1945. Abfahrt Zecherin 9 Uhr vormittags, gleich über die große Oderbrücke. Hinterher Fuhrwerke stillgehalten und Kindern gezeigt, wie die Brücke aufgeklappt wurde und Schiffe hindurchfuhren. 9:30 Uhr weiter nach Anklam. An der Straßenkreuzung vor Anklam stand ein Volkssturmmann aus Lötzen, lange mit ihm unterhalten.

Marschverpflegung: 2 beschmierte Stullen je Person erhalten, für 2 Tage Hafer. Um 16 Uhr weiter bis Postlow. Emmis Wirt heißt Malchow, Schlafen auf Fußboden. Pferde guten Stall und Heu. Ich Quartier bei Schröder, Großmama im anderen Zimmer auf Chaiselongue mit Betten. Wir mit Arnswalder Flüchtlingen im Zimmer auf Fußboden. Abends von Wirtin gute Erbsensuppe erhalten. — Leopold hat in die Hosen gemacht.

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Mittwoch, 7.03.1945. Gut geschlafen. Peter erhielt Erbsensuppe, die Kinder Milchsuppe, wir Brot und Kaffee. 9 Uhr losgefahren bis Altentreptow. Bei Herrn Ludwig Groth am Anfang der Stadt. Pferde im Stall, wir auf Fußboden im Zimmer geschlafen. Tee und Brote. Emmi nebenan bei Frauen im Zimmer mit einem Bett.

In Anklam von NSV Marschbefehl nach Mecklenburg-Sachsen erhalten.

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Donnerstag, 8.03.1945. Morgens Kaffee getrunken, dann zum Ortsbauernführer, netter Mensch. Für 3 Tage = 1 Ztr. Hafer erhalten und 46 Pfd. Roggenstroh nebst Häcksel. Zweimal Kartoffelschalen von NSV geholt. 3 Köpfe Kohl erhalten. Herr Groth uns seine Küche zur Verfügung gestellt, ging extra deswegen auswärts essen. Herr Groth alleinstehend, bekocht sich auch selbst. Großmama hat Mittag gekocht, erst mal Brotsuppe zum Voressen, dann Schmorkohl, Rindfleisch geschmort, Kartoffeln dazu.

Von NSV knapp 4 Liter Gemüsesuppe und 11 Klappstullen für 9 Personen als ganze Verpflegung erhalten, etwas Milch fürs Kind. Wir trecken heute nicht weiter, erst morgen früh. Nachmittags 5 Uhr hier am Ofen alle drei, Großmama, Emmi und ich gemütlich zusammengesessen. Kinder bei Emmis Wirtin beim Lesen und Spielen. Jetzt müssen wir ans Abendbrot denken. Quartierwirt ist sehr gut, Ludwig Groth, Altentreptow, Georgstraße 23, und eine evakuierte Frau aus Altdamm, Frau Pagenfuß. Abends Schmorkartoffeln und Grießsuppe.

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Freitag, 9.03.1945. Gut gefrühstückt, morgens 8 Uhr losgefahren durch Altentreptow, gleich hinter der Stadt sehr hoher Berg, Asphalt, da Nachtfrost = sehr glatt und Pferde kaum raufgekommen. Schipper schieben geholfen. Da gleich Sonne schien, Asphalt weich und es fuhr sich besser. Von Altentreptow bis Neubrandenburg 17 km. Um 12:30 Uhr in Neubrandenburg, auf Pferdemarkt Pferde gefüttert. Keinen Hafer erhalten. In NSV-Küche eine Kanne pluddrige Wruckensuppe und trockenes Brot erhalten. 14 Uhr weiter gefahren, 10 km Richtung Neustrelitz bis Groß Nemerow. Dort bei Allgrimm Quartier bekommen. Emmis Pferde bei Witt. In Stube vom Polenmädel Stroh reingetragen und unsere Decken. 2 Liter Milch erhalten, Klunkersuppe gekocht, trockenes Brot gegessen. Für Pferde je 4 Pfd. Gemenge erhalten und Stroh. 1½ trockenes Brot hier beim Bäcker erhalten. Frau keine gute Quartierwirtin: Für ihre Polen Bratkartoffeln, Setzei, belegte Brote zum Abendbrot, für uns nichts übrig. Regina heute nicht ganz auf Posten.

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Samstag, 10.03.1945, um 9 Uhr weiter getreckt über Neustrelitz bis Städtchen Wesenberg. Pferde alle 5 im Stall bei einem Fräulein. Wagen von Straße etwas runtergeschoben, Peter und Großmama darauf geschlafen. Alle anderen oben in einem Zimmer bei Frau Ehlert, Autovermietung am Markt. Sehr nette Quartierwirtin, durften unten in sehr sauberer Küche abends und morgens kochen, uns waschen usw.

Zufällig auch wieder Gehrmanns in Wesenberg getroffen, die kurz vor uns eingetroffen waren.

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Sonntag, 11.03.1945 Morgens 9:30 von Wesenberg abgefahren, noch 6 km bis Zirtow. Emmi und ich mit Pferden Quartier gefunden bei Kruse in Zirtow. Frau Kruse ist eine Schwester von Elly Mattern aus Potsdam. Wir waren mittags hier, heute nur etwas ausgeruht. Gehrmanns Quartier gefunden bei Nachbar Schulz. Hier bei Frau Kruse neue Adresse von meinem Mann Walter erhalten: Volkssturmmann Walter Preuß, Feldged. Kaserne Block 11, Stube 2, 5a Neustadt, Westpreußen!

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Montag, 12.03.1945. Dora Gehrmann gestern Abend noch zu Frau Brandt nach Alt-Strelitz, Friedrich Lisztstraße 14 gefahren, dieselbe gestern Sonntag in Potsdam gewesen. In Potsdam waren Edith mit Tochter Helga und Traute gewesen, die am Freitag nach Salzdetfurth gefahren sind. Frau Brandt kam heute Vormittag nach Ziertow und hat von allen erzählt. Am Vormittag hat Frau Kruse auch einen Brief von Elly Mattern aus Salzdetfurth erhalten, der inliegend einen Brief für uns hatte, worüber wir uns sehr gefreut haben. Schwester Ida, Georg und Schwester Trudel sind schon in Salzdetfurth. Wir sollen auch hinkommen - aber wie mit unseren kranken Pferden? Adresse: Frau Elly Mattern bei Gärtner Stoffregen, 20 Bad Salzdetfurth/ Hannover, Bodenburgerstr. 8.

Ich habe noch meinen Wagen umgepackt, dann Emmi und ich Wäsche gewaschen, gehängt, nachts am Ofen weiter getrocknet. Abends noch alle richtig Kopf und Körper gewaschen, z.T. frische Hemden angezogen. Mit Frau Brandt und Kruse unterhalten bis 10 Uhr, dann ins Bett. Am Nachmittag Emmas braunes Pferd „Hanne" krank, wohl von den dreckigen Kartoffelschalen aus Wesenberg. Kolikpulver und Glaubersalz eingegeben, hat sich geworfen, wurde abends aber besser. Mittags letztes Rindfleisch geschmort, Soße und Pellkartoffeln. Mit viel Bitten und Betteln etwas Häcksel und Roggenstroh von Herrn Kruse erhalten, auch Kartoffeln zu Mittag und täglich 2 Liter Milch, Grete 1 Liter Milch.

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Dienstag, 13.03.1945. Kaffee getrunken, alles aufgepackt und 9 Uhr Abfahrt nach Mirow. Daselbst Richards Pferde beschlagen, ebenfalls unsere „Putti" und Emmas „Liese". Ab Mittag Regenwetter. Im Hotel „Zur goldenen Kugel" für je 5 g Fett auf Marken einen Teller Kohlsuppe gegessen. Grete für heißen Kaffee gesorgt, dann Weiterfahrt bis Dorf Wipperow. Wir Quartier bei Bänk, nette, einfache Leute. Sollten hier durchaus kein Quatier bekommen, weil Pferdelazarett hier liegt - Bürgermeister Schulz durchaus nicht dazu zu kriegen. Ich dann mit Soldat gesprochen, der uns leeren Stall vom Pfarrhof gezeigt, wir Wagen auf den Hof gefahren, Pferde ausgespannt und alle 10 Pferde in den Stall gebracht. Bürgermeister dann gekommen und uns Personen Privatquartiere angewiesen — ging nun mit einmal doch, nachdem wir ihm vorher gründlich unsere Meinung gesagt hatten. Ich fragte ihn z.B., warum er nicht Soldat ist und daß Deutschland unmöglich siegen kann, wenn so junge Männer nicht Soldat und dann noch nicht einmal für uns flüchtende Frauen und Kinder auf der Straße sorgen können, denn Platz ist da, das sehe ich doch. Und es war tatsächlich genügend Platz da. Auf dem Pfarrhof stand die Gulaschkanone und Irene gleich mit großer Kanne hin und bekam sie halb voll, Grete ihre voll und wir haben sie gleich schön heiß gegessen, trockenes Brot dazu, schmeckte wundervoll. Abends spät bekommen wir noch den Rest, jeder große Kanne voll, die wir morgen früh wärmen werden. Jetzt ist es 20:30 Uhr, deshalb Schluß, will noch an Schwägerin Elly schreiben.

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Mittwoch, 14.03.1945. Früh ½ 7 Uhr kam Emma aus ihrem Quartier hierher mit der Parole, daß ihr Pferd Liese, die schwarze, verfohlt hat, Fohlen tot. Darauf bleiben wir heute hier und trecken erst morgen weiter. Stute sieht sonst sehr munter aus. Emma auch krank, Durchfall, Fieber, Unterleibsschmerzen. Ich von Sanitäter Tabletten geholt, 2 Sorten. Mittags wieder schöne Graupensuppe mit Rindfleisch von Gulaschkanone bekommen. Schmeckte sehr gut und wir haben uns richtig satt gegessen. Dann noch Besorgungen gemacht, Milchschein, Milch geholt. Bescheinigung geholt, daß Stute verfohlt usw..

Richard hat seine 2 Pferde und schwarze Kutsche verkauft für 1700 Mark, 3 große Säcke Schrot oder Hafer, 3 Säcke Häcksel und Heu. Siele, alles mit verkauft, ohne uns zu fragen, ob wir was brauchen als Ersatz.

Eben fällt mir ein, daß meine Schwiegermutter heute Geburtstag hat, wo mag dieselbe stecken? Es ist 16:30 Uhr und ich muß mal sehen, ob die Gulaschkanone wieder bißchen Abendbrot für uns übrig hat.

Bürgermeister Hube und Frau aus Pr. Mark bestimmt erschossen von den Russen zwischen 24. und 31. Januar 1945. Herr Turowski, Evakuierter aus Kudauen/Liebstadt, hat das heute Nachmittag erzählt.

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Donnerstag, 15.03.1954. Milchsuppe gestern von Soldaten erhalten, gewärmt und Bratkartoffeln dazu gemacht, gefrühstückt, aufgepackt. Emma hat unseren "Pierrot" angespannt und ihre Fohlenstute angehängt. Ich noch an den See und Fische gekauft für 3.- Mark, kleinere Brassen. Von den Soldaten noch dicke Nudeln erhalten und mitgenommen.

Abfahrt 9 Uhr von Mirow nach Röbel, wo wir um 12 Uhr ankamen. Zur Treckleitung in „Bäuerliche Werkschule" gegangen, keinen Treckschein erhalten! Dürfen aber bis morgen bleiben, da Emmis Stute gestern verfohlt hat: Bescheinigung vom Bürgermeister aus Wipperow und Ortsbauernführer von Röbel erhalten.

Unser Wirt, Gasthaus „Zur Linde", ist ganz gut, mußten gleich die Pferde in seinen Stall bringen, als er hörte, daß Emmas Stute verfohlt hat; durften auch im Gastzimmer essen, bekamen Teller und Löffel zur Benutzung. Wir kauften Bier.

Großmama kocht und brät die Fische von heute früh, wollen Brot dazu essen. Hier zu Mittag von NSV Kohlsuppe, die gar nicht gesalzen war, gegessen. Trockene Brote für zwei Tage erhalten. Ebenso paar Kartoffelschalen und Hafer für 4 Tage, da die Tage vorher keinen Hafer bekommen, Häcksel oder Stroh nicht erhalten!

Uns wird gegenüber ein Herrenzimmer mit Sofa, Chaiselongue und Klubsessel zugewiesen. Emmi soll im Bett schlafen, die Löpener erhalten ein anderes Zimmer.

Wir saßen hier im Gasthaus „Zur Linde" in Röbel, da kommen gerade Elimar Hopp und Frau aus Eckersdorf rein — sie fahren mit Spazierwagen weiter. Sie haben ihre Franzosen mit Leiterwagen vor Marienburg verloren. Sie wollen über Dannenberg nach Bremen, wohin ihre Tochter mit Omnibus von Schöneck, Westpreußen, schon hingefahren ist — sie lagen 14 Tage in Schöneck fest.

Frau Hopp erzählte, daß sie vor Gollnow die Eltern von Frau Schirrmacher aus Eckersdorf, Frau und Herrn Ziemer und Frau Zwillus getroffen haben — sie treckten vom selben Gut auf kleinem Bullerwagchen mit. - Nur 20 Minuten mit Hopp's unterhalten, sie mußten wieder weiter, da ihr Treck nur kurz Rast hier machte. Sie trecken jetzt mit Treck Rossitten, Kreis Pr. Holland, mit.

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Freitag, 16.03.1945. Gut geschlafen, bei Herrn Müller noch Morgenandacht gehört, Leitwort: „Der Herr kann großes an uns tun". Ich dann noch ins Gästebuch eingeschrieben: „Klopfet an, so wird euch aufgetan..." usw..

Mit Dora auf Ernährungsamt, Treckstelle NSV gewesen, Brot, Hafer, Urlaubermarken für 5 Kinder erhalten. Gefrühstückt und abgefahren. Langsam gefahren, in einem Dorf am Gasthaus gehalten, Pferde gefüttert. Im Gasthaus einen Topf Salzkartoffeln gekocht bekommen. Leopold, Ellinor und ich aufs Gut nebenan gegangen: 4 Liter Erbsensuppe und 2 Liter Magermilch erhalten. Als Kartoffeln dann gar waren, im Gasthaus Mittag gegessen. Dunkles Bier zu kaufen bekommen. 4 Liter noch mitgenommen, dann weiter gefahren bis Wredenhagen.

Hier nur Unterkunft auf altem Burghof. Pferde mit vielen anderen zusammen in eine Scheune. Wir schliefen auf Wagen: Familie Weiß, Ellinor und ich und Löpener. Großmutter und die anderen im Hausflur auf Stroh, wo ein kleiner Herd frisch gesetzt war und wir als erstes Biersuppe gekocht und trockenes Brot dazu gegessen haben.

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Samstag, 17.03.1945, Wredenhagen. Nachts Regen, morgens früh um 6 Uhr aufgestanden, die Pferde bekamen nur Stroh. Löpener Wallach krank an Druse, Tierarzt Spritze gegeben, nach einer Stunde nachgesehen, dem Pferd geht es nicht besser, deshalb bleiben Gehrmanns wieder mal hier und wir trecken allein weiter.

In der Molkerei je ½ Pfd. Butter und 2 und 3 Liter Milch zu kaufen bekommen. Milch und Brot zum Frühstück gegessen. Emmis braunes Pferd „Hanne" mit altem Eisen beschlagen, da keine neuen Eisen da! Auch Buchse und Rad wieder mal festgemacht. Ich versucht, nach Pritzwalk zu telefonieren an Polizeiwache, um nach Trudel und Traute zu fragen, aber keine Verbindung bekommen. Ellinor und Irene Heu besorgt.

Abfahrt ½ 1 Uhr mittags von Wredenhagen ohne Gehrmanns. Etwas Regenwetter. 4 Uhr nachmittags paar Kilometer vor Wittstock. Treck von Frau Ida Riemer und Tochter Hedwig aus Neu-Dollstädt, Kreis Pr.-Holland, getroffen. Sie waren von Neu-Dollstädt am 22.01.1945 abgefahren.

Hier ist die Grenze von Mecklenburg und Brandenburg.

Um ½ 5 Uhr nachmittags in Wittstock, Mark Brandenburg, gelandet. Beide Wagen auf Marktplatz aufgefahren, Pferde ausgespannt und in den Stall von Kaufmann Rohm am Marktplatz gestellt. Peter auf unserem Wagen geschlafen, die drei Reichauer auf ihrem. Wir fünf Preußen bei Däbel übernachtet. Großmama auf einem Sofa, Irene und Frank-Leopold im Kinderbett, Ellinor und ich im anderen Bett in der Kammer. Aber alles sehr dreckig, gar nicht schön, aber die Leute sonst ganz nett.

Vor-Alarm, 9 Uhr abends Alarm. Herr Däbel ging raus, kommt rein und sagt, es ist von Fliegern nichts zu hören. Ellinor und ich aufgestanden und angezogen, die anderen drei schlafen noch. Um 22 Uhr Entwarnung. Großmama hat gar nichts gehört. Peter auch nicht, alle haben fest geschlafen.

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Sonntag, 18.03.1945. 6 Uhr aufgestanden. Im Stadtgarten bei NSV konnten alle frühstücken: Kinder Milch, wir Kaffee und je eine Klappstulle Leberwurstbrot.

Um 9 Uhr Abfahrt von Wittstock. Wir kommen durch Heiligengrabe nach Techow. Hier haben Charlotte und Ellinor 1 Sack Häcksel, 1 Sack Heu und etwas Haferstroh besorgt. Kurze Ruhepause für Pferde, dann geht es weiter. Wind von vorn, deshalb sehr kalt. Hinter Wittstock kurz vor 11 Uhr Flieger am Himmel in unheimlicher Zahl, hunderte und aber-hunderte gesehen, mit ganz dicken Kondensstreifen. Dann Bomben fallen gehört, danach an verschiedenen Stellen Rauch aufsteigen gesehen. Wir kommen vor Dorf Kemnitz, da können wir nicht rein, weil oben Fliegerabwehrschlacht gewesen, deshalb Bomben in reichlicher Zahl abgeworfen, viele Blindgänger, aber auch einige Brandbomben. Im Dorf brennen Stall und Scheune. Eine Feuerspritze steht mit sehr langem Schlauch auf der Straße. Deshalb können wir nicht weiter fahren, gehen ins Gasthaus und brühen Kaffee, essen Butterbrot mit Jagdwurst, welche Tags zuvor in Wittstock auf Berechtigungsscheine für drei Tage gekauft. Dann um Quartier gebeten. Hier weist zum ersten Mal der Ortsgruppenleiter Pferde und Menschen ein. Er heißt Witte und war gerade bei Bohnenkaffee und Kuchen auf einer Einsegnung. Bei Bauer Plagmann auf den Hof gefahren, da waren die Pferde vom abgebrannten Bauern im Stall, deshalb Tochter zum Ortsgruppenleiter, nun auf Hof von Plage, da große Einsegnung, kein Platz für Menschen, nur Ziegelküche angewiesen, diese viel zu klein! Ich verlor die Fassung und kam ins Heulen. Frau Plage fuhr mit dem Rad zum Ortsgruppenleiter. Dann Fuhrwerke auch von diesem Hof runter und zurück zum Anfang des Dorfes auf Hof von Jäger, da sehr nett aufgenommen! Der OGL hat sich entschuldigt, daß es nicht geklappt hat. Wir bekamen gutes Zimmer mit einem Bett für Emmi und Regina, eine Chaiselongue für Großmama, ein Sofa für Irene. Charlotte, Ellinor, Frank-Leopold und ich auf schliefen auf Pelzdecken auf dem Fußboden. Abends Milchsuppe mit Klunkern gekocht. Um 20 Uhr jetzt zu Bett gegangen.

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Montag, 19.03.1945. ½ 7 Uhr heute erst aufgestanden, da besonders Emmi sehr gut geschlafen hat. Alle haben wir uns gut mit warmen Wasser und Seife waschen können. Kaffee gebrüht, Wurst und Butterbrote gegessen. Unsere Erbsen mit unserem Pökelfleisch aufgesetzt für Mittag. ½ 9 Uhr Charlotte, Ellinor und ich 4 km nach Pritzwalk gegangen zur Polizeiwache, nachgefragt, ob Frau Pelz und Traute sich gemeldet haben, sie haben sich noch nicht gemeldet. Dann weiter zum Kreisleiter Kobert, derselbe will nach Bad Salzdetfurth telefonieren, ob beide überhaupt schon abgefahren sind - ich soll nachmittags zurückrufen.

Auf Kreisleitung den Ortsgruppenleiter Witte von Kemnitz getroffen. Er hat mir Mitnahme auf dem Rückweg mit seinem Wagen angeboten. Ich noch zur Treckleitstelle Marktstraße 3, Zettel abgegeben für Frau Pelz und Traute, ich ließ sie noch dazuschreiben, daß der Treck Gehrmann in Wredenhagen wegen kranker Pferde liegen geblieben ist. Traute möchte versuchen, Verbindung mit ihrem Vater zu bekommen — und daß sich Treck Preuß und Weiß z.Z. in Kemnitz bei Jäger befindet, ein paar Tage da bleibt und Trude möchte daselbst anrufen, Telefon Pritzwalk 577.

Jetzt ist es ½ 12 Uhr mittags. Ich sitze auf dem Wagen von Herrn Witte und warte auf ihn. Charlotte und Ellinor streifen in den Straßen umher hier in der Nähe und entdecken Pritzwalk. Von Pritzwalk eigentlich nichts besonderes zu schreiben, ein Städtchen, wie sie hier meist alle sind, wie Wittstock auch, nur ist hier kein Militär. Das Städtchen macht einen ländlichen Eindruck. Die Treckleitstelle ist sehr mies, noch gar nicht eingerichtet, die Kreisleitung einfach, Polizeiwache in Ordnung. Diese hatte meine telefonischen Anrufe schon schriftlich niedergelegt und diese mir selbst gezeigt. Noch dazu geschrieben, daß wir in Kemnitz bei Jäger in Quartier für einige Tage sind und Trudel möchte uns unter Nr. von Jäger = Pritzwalk 577 anrufen, sobald sie in Pritzwalk auf Polizeiwache eintreffen. Ich ließ auch notieren, daß wir in ein paar Tagen über Wittenberg weitertrecken. Traute Gehrmann will ich es dann selbst sagen, wo sie ihre Eltern suchen soll.

Gestern auf der Fahrt von Wittstock nach Kemnitz bei sehr kaltem Wind, der auch noch direkt von vorn kam und in den Wagen reinzog, sind wir alle, hauptsächlich ich, sehr erfroren. Wir erwärmten uns erst, als wir im Gasthaus heißen Kaffee getrunken und abends heiße Milchsuppe gegessen hatten. Der Wind hat die Straßen tüchtig getrocknet und heute ist es auch nicht so kalt. Der Fußmarsch von Kemnitz nach Pritzwalk war angenehm.

Wir gingen noch mit drei Flüchtlingen aus Stargard, Herr Pöllner mit Frau und Schwägerin, zusammen, mit denen wir gestern schon im Gasthaus bekannt gemacht hatten. Zwei Damen ziehen einen größeren Handwagen, der Herr fährt Rad, weil er kriegsbeschädigt ist: An den Füßen bis zum Knie in Rußland Adern eingefroren und verträgt deshalb längeres Gehen nicht. Bis vor Pritzwalk haben wir uns noch angenehm über die ganze Lage unterhalten. Sie wollen heute 16 km zu Fuß machen.

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Dienstag, 20.03.1945. 6 Uhr aufgestanden, gefrühstückt: Rest Bratkartoffeln, Rest Erbsensuppe, Kaffee und Brot. Frau Jäger hat uns 8 Eier verkauft á 0,10 Mark, Sack Häcksel 2,00 Mark. 9 Uhr Abfahrt von Kemnitz. Postkarten abgeschickt an Elly, Papa, Frau Schinz, Schnittger, Frau Brandt in Strelitz, Frau Kruse in Zirtow. Emmi Berechtigungsscheine für heute abgekauft. Dann weitergefahren durch Kuhbier. Dann in Retzin um 13 Uhr Pferde gefüttert. Von der Frau vom Ortsbauernführer einen Sack Häcksel mit Hafer umsonst bekommen. Emmi im Gasthaus vom Gemeindevorsteher Biersuppe für alle 9 Personen gekocht, 4 Eier von Wirtin dazubekommen, unsere Wurstbrote dazu gegessen.

Den ganzen Tag märkischer Wind in die Lungen geweht. Bis Spiegelhagen, 3 km vor Perleberg, getreckt. ½ 5 Uhr Quartier bekommen bei Bauer Wickel, Emmi bei Bauer Dammaß, sehr gute Aufnahme. Bei meinem Bauer schlechte Aufnahme, nicht mal abends und morgens heißen Kaffee kochen dürfen. Neben Küche im Kellergeschoß wies man uns einen Raum mit Zementfußboden und Stroh, Tisch und Bank zu. — Heute 26 km gemacht.

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Mittwoch, 21.03.1945. Heute früh ½ 8 Uhr weitergetreckt, 3 km bis Perleberg. Von Perleberg bis Wittenberge 12 km. Von Wittenberge bis Seehausen auch 12 km. Also heute sogar noch 27 km getreckt - in der 9. Woche bestimmt noch eine Leistung für die Pferde! Von Perleberg bis Wittenberge rechts und links sehr große Obstbaumplantagen mit dicht bei dicht Beerensträuchern darunter. Perleberg als eine Stadt mit sehr viel Grünanlagen kennen gelernt, Blautannen, Kuppeltujas, Magnolien und sonstigen Zierbäumen. Kleinen Aufenthalt daselbst genommen. Auf halbem Wege von Perleberg bis Wittenberge Fliegeralarm.

½ 12 Uhr bei Wittenberge über die Elbe über eine sehr lange Eisenbahnbrücke gefahren. Ich bin mit den drei Kindern zu Fuß rübergegangen. Gleich hinter Wittenherge im Gasthaus wiederum Herrn Pöllner mit Frau und Schwägerin getroffen, derselben gesagt: „Jetzt sind wir in England". Ihren Handwagen haben sie bis Seehausen an unsern Wagen gehängt, dann trennten wir uns.

In Seehausen sollten wir durchaus in ein Massenquartier, wir gingen aber nicht, Pferde bei Viehhandlung und Bahnhofshotel König eingestallt. Wir haben uns selbst was besorgt. Zwei Zimmer in Königs Hotel. Unser Zimmer ein Bett mit Bettzeug für Leopold und mich, eine Chaiselongue mit Daunendecke für Großmama, Ellinor und Irene auf Pelzen und Decken auf dem Fußboden. Abends unten im Gastzimmer richtig zu Abend gegessen: Kartoffeln, reichlich Soße und je einen Klops und dazu Feinbrot. Danach je eine Tasse Tee und Stullen.

Am Tisch nebenan Ostpreußen getroffen, Frau Siegmund aus Dargau, Kreis Pr. Holland, mit einem Kind und Schwester mit fünf Kindern und Vater. Den alten Herrn gesprochen und sehr viel erzählt, alle bisherigen Erlebnisse lebhaft ausgetauscht. Bis ½ 11 Uhr abends Fliegeralarm.

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Donnerstag, 22.03.1945. 6 Uhr in Königs Hotel in Seehausen aufgestanden. Ich habe in der Küche eigene Kartoffeln gebraten, Kaffee gebrüht - gefrühstückt. Dann noch Essenmarken zu Mittag vom Rathaus geholt. Dann Emmi, Charlotte und ich zum Haarewaschen und Ondulieren gegangen. Als wir fertig waren, gingen wir zum Mittagessen in die Konservenfabrik = Eintopf, schmeckte ganz gut. Abendessen für 9 Personen, 10 Mark bezahlt, je Zimmer 5 Mark und für Kaffee brühen 1,00 Mark.

13 Uhr mittags Abfahrt Richtung Stadt Arendsee. 17:30 Uhr Ankunft in Kläden. Ich bekam Quartier bei Ortsbauemführer Arndt, großes Zimmer mit einem Sofa, zwei Matratzen über Stroh mit weißbezogenen Betten. Emmi Quartier bei Bauer Heumann, auch sehr gut! Wir hier für alle sechs gleich heiße Pellkartoffeln gekocht bekommen mit heiß aufgelöster Sülze, schmeckte überhaupt ganz wundervoll, dann noch heiße Milch und Kaffee danach. Die Menschen sehr gut. Der Bürgermeister, in selbiger Person Ortsgruppenleiter, Amtsvorsteher usw., sehr schlecht, wollte uns abends ½ 7 Uhr durchaus noch weiterschicken. Er wurde zum Schluß direkt pampig und gemein.

Wir sind heute 23 km getreckt. 20:45 Uhr - müde und wir gehen zu Bett.

In Seehausen habe ich bei Soldaten eine Generalstabskarte eingesehen, alle Orte bis Bad Salzdetfurth aufgeschrieben, nachgemessen und festgestellt, daß es noch 200 km sind, also ab hier noch 177 km. Ich erfuhr, daß es gestern Abend in Seehausen Alarm gab, nachts ½ 3 und ½ 5 Uhr wieder und Bomben gefallen waren.

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Freitag, 23.03.1945. Herrliches Sonnenwetter. Gefrühstückt: Bratkartoffeln, Klopsfleisch, Kaffee. Abfahrt 9 Uhr von Kläden. Emmis Geburtstag.

Das Wetter ist den ganzen Tag so schön, die Kinder machen sich Kniestrümpfe, sitzen z.T. barfuß auf den Wagen, um die Füße zu sonnen. Laufen auch viel zu Fuß, suchen Grünes für die Pferde, das sie ihnen während des Fahrens ins Maul geben. ½ 1 Uhr mittags Futterpause für die Pferde an einem Gasthaus, vor dem Fliegerhorst vor Salzwedel in einem Dorf Karte mit Nachricht für Treck Gehrmann an einen Baum geschlagen. Verwundete Soldaten sollen aufpassen und Nachricht geben.

Dann weiter noch 9 km bis Salzwedel, hier ca. 3 km durchgefahren. 4 km hinter Salzwedel im Dorf Ziethnitz Quartier gefunden: Emmi bei Schwerin, die Braut wirtschaftet, ich bei Eilhard Schulze. Frau Schulze ist 32 Jahre alt, ihr Mann in englischer Gefangenschaft, sie haben einen Sohn Wolfgang von 7 Jahren. Der Vater Liedtke, 65 Jahre alt, bewirtschaftet 140 Morgen. Sie haben 4 Arbeitspferde, davon 3 Schimmel, 12 Kühe, 3 Zuchtbullen. Vorschriftsmäßiger Hühnerstall, Weiße Leghorn. Im Haus sind Spülklosett und Badezimmer.

Großmama schläft auf Chaiselongue unten im Altenteilerzimmer, wir oben im Fremdenzimmer, sehr gut mit zwei weißbezogenen Betten. Abends Bratkartoffeln und Gurken mit der Familie gegessen. Die Pferde werden vom Bauern gut mitgefüttert

Beim Bürgermeister gewesen, für den 23. und 24. Urlauberkarten erhalten. Ich habe noch bis ½ 9 Uhr abends unten gesessen, dann nach oben gegangen, Tagebuch und an Elly geschrieben. Ich werde mich selbst gründlich waschen und dann zu Bett gehen.

Heute wieder 27 km getreckt.

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Samstag, 24.03.1945. ½ 7 Uhr aufgestanden, Frühstück bekommen: Brot, Sirup, Kaffee. Acht Eier von Frau Schulze gekauft.

Abfahrt 9 Uhr von Ziethnitz. Die letzten Tage wundervoll schnurgerade Straße gefahren, eben, keine Berge. Seit gestern und heute hinter Salzwedel die Straße zwar auch sehr gerade, aber schon ziemlich bergig.

In Püggen, Kreis Salzwedel, bei Fritz Tegelmann Nr. 23, Kartoffelsalat und 12 Eier bekommen für abends, da wir zu Mittag schon in anderen drei Häusern was bekamen — auf unsere Bitten hin sofort etwas erhalten! Peter erhielt in einer Familie Kartoffelsuppe. Die Reichauer und Großmama in einer anderem Familie Kohl-Eintopf. Ich mit den drei Kindern Schweinebraten aus Weck mit schöner Soße, Pellkartoffeln und Birnen aus Weck — alles umsonst!

Püggen ist ein prima Dorf, das erste, das wir dieser Art angetroffen haben.

Weiter gefahren bis ins Dorf Mellin, Aufnahme gefunden bei Ortsbauernführer Helmke, Großmama, Irene und Charlotte bei Jäger. Die Pferde wurden bei Geldermann untergebracht. Irene und ich bekamen beim Ortsbauernführer Kaffee, Kuchen und Brötchen mit Pflaumenmus.

Auf der Posthilfsstelle wieder versucht, ein Telefonat nach Bad Salzdetfurth zu bekommen — vergebens.

Abends unseren Kartoffelsalat und gekochte Eier gegessen. Ellinor hat auf einem Sofa geschlafen, Frank-Leopold und ich auf einer Chaiselongue. Emmi und Regina in einem anderen Zimmer bei einer Flüchtlingsfrau im Bett, Regina hat naß gemacht. Heute 24 km gefahren.

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Sonntag, 25.03.1945. Abfahrt ½ 10 Uhr ab Mellin. Wieder schönes Wetter, Sonnenschein. Frank-Leopolds Unterhosen abgerebbelt und kurze Beinlinge gemacht, so daß er auch die Strümpfe runterrollen kann wie die Mädels, die schon seit ein paar Tagen so gehen. Die Kinder gehen jetzt bei diesem Wetter auch viel zu Fuß, rupfen Grünes für die Pferde, das sie ihnen beim Fahren geben, hauptsächlich der „Putti", die ein Fohlen bekommen soll und „Pierrot", der so abgemagert ist.

Frau Helmke hatte uns gebeten, wenn der Krieg zu Ende ist und wir wieder ein Auto haben, sie dann zu besuchen. Ich natürlich zugesagt.

Um ½ 1 Uhr in Voitze, hier sehr gut zu Mittag gegessen — je 3 Personen in einem Haushalt. Reichauer haben es beim Ortsbauernführer am allerbesten angetroffen. Frühlingssuppe mit Fleischklößchen, Gemüseteilchen, richtige Brühe, Frikassee, Pudding mit Erdbeeren. Großmama, Ellinor und Peter im anderen Haus: Spargelsuppe, Schweinefleisch, eingemachte Birnen. Irene, Frank-Leopold und ich bekamen Bratkartoffeln mit Kasseler und Milch.

Inzwischen Pferde gefüttert, dann weiter bis Ehra, Kreis Gifhorn. In Ehra Quartier bekommen bei Gastwirt Pieper — wir Preußen ein Zimmer mit zwei Betten und eine Kammer mit einem Bett, weiß bezogen. Reichauer ein Zimmer mit zwei Betten. Die Pferde auch alle fünf zusammen in einem Stall. Abends unsere Kartoffeln gebraten. Frau Pieper wundervolle Griessuppe für alle gekocht mit Vanille und eingemachten Pflaumen dazu. Morgens schönen Sirup. Großmama Durchfall von zu gutem ungewohntem Mittagessen. Kohletabletten gegeben und Opium. 2o Pfund Hafer für die Pferde bekommen. — Heute 18 km gefahren.

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Montag, 26.03.1945. Wieder schönes Wetter. Von der Molkerei noch 4 Liter Buttermilch und 2 Liter Milch geholt. Im Gasthaus Pieper brauchten wir nichts zu bezahlen! Pferde auch Heu bekommen, morgens und abends, auch Rüben, gut satt gefüttert.

Abfahrt 9 ¼ Uhr morgens. Unterwegs Milch getrunken, Quark gegessen. Gleich hinter Ehra wieder sehr schlechter Boden, beinahe noch schlechter als in Zirtow — nur Kuschelfichten und Heide.

Mittags 1 Uhr in Westerbeck vor Gifhorn. Hier Mittag gegessen. Reichauer und Großmama in einem Haus: Bratkartoffeln mit Ei, Kaffee, Weißbrot. Peter und Irene anderes Haus: Nur Salzkartoffeln und so. Ellinor, Frank-Leopold und ich beim Ortsbauernführer: Bratkartoffeln mit Ei, vorher Brühe mit Nudeln. Nach 2 ½ Stunden weiter gefahren.

Hier im Ort einen Soldat aus Allenstein/Ostpreußen getroffen und gesprochen. Derselbe erzählt, daß der Ortsbauernführer und Kreisleiter aus Mohrungen als erster aus seinem Ort geflüchtet ist. Später trifft dieser die Trecks aus seinem Ort, geht hin und will sie begrüßen - da ist er von seinen Treckleuten erschossen worden!

16 Uhr in Gifhorn angekommen. Zur Kreisamtsverwaltung mit Emma gegangen, gefragt, wo Ostpreußen' oder Mohrunger eingewiesen wären, Keine Spur, keine Ahnung davon. Dann gebeten unter Kennziffern nach Bad Salzdetfurth telefonieren zu dürfen, ging auch nicht. Dann aber einen Schein bekommen, auf dem Herr Bolte, Ortsgruppenleiter in Röttgesbüttel, gebeten wird, heute 5 Pferde und 9 Personen für eine Nacht zu beherbergen. Dann noch zur Polizeiwache gegangen, eine Karte mit kurzer Nachricht für Treck Gehrmann/Ostpreußen abgegeben. Auch von der Polizeiwache ging nicht zu telefonieren, da in Hildesheim alles zerstört ist.

Dann weitergefahren bis Ausbüttel, dort zum Bürgermeister, der wollte uns 1 km zurückschicken zum NVW Walter, der uns dann einweisen würde zur Nacht, evtl. auch für später oder immer. Uns war es natürlich zu weit, 1 km noch wieder zurück zu gehen, fuhren deshalb weiter nach Rötgesbüttel, wo wir unseren Schein von Gifhorn beim Ortsgruppenleiter Lehrer Bolte abgaben. Dessen Frau brachte uns zu ihm, 7 Uhr abends, es wurde oder war schon beinahe dunkel. Dann haben die Herren mit der Frau Lehrer und dem Ortsbauernführer zusammen mindestens ½ Stunde beraten, wohin mit uns. Auf unsere Bitten dann doch endlich entschlossen und der Ortsgruppenleiter brachte uns in unser Quartier zu Gastwirt Tiedtke! In der Gaststube mit ganz schwarzen Dielen sollten wir unser Lager aufschlagen. Ich bat um eine heiße Suppe oder heißen Kaffee. Zwei Reste Suppe standen dann auch bald auf dem Tisch, aber noch nicht mal lauwarm. Ich bat nochmal um heißen Kaffee. Der wurde uns endlich gebracht, aber auch nur lauwarm aufgewärmt. Für Peter ließ ich den Rest Suppe heiß machen. Danach ließ ich den Wirt nochmal reinbitten und bat um Stroh für die Kinder, da ich sie doch unmöglich auf die schwarzen Dielen legen konnte, da dieselben sehr dreckig waren. Der Gastwirt regte sich über diese Bitte auf, das ginge auf keinen Fall. Ich bat dann um Anweisung auf Stroh in der Scheune — da ließe er keinen rein. Dann hat er eine Ecke Heu im Kuhstall für uns angewiesen.

Da schliefen die Reichauer alle drei auf ihrem Wagen, Großmama und Irene auf einem schmalen Sofa mit Stühlen, ich mit den beiden Kindern auf anderem Sofa mit Stühlen im Gastzimmer. Nebenan im Klubzimmer bis lange nach 22 Uhr der Gastwirt mit Familie sehr laut unterhalten, deshalb können wir nicht schlafen und ich schreibe hier noch den heutigen Tag ein. Heute 28 km gefahren.

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Dienstag, 27.03.1945. Nach Urlauberkarten zum Bürgermeister Lütge gegangen, der gab keine und sagte ... „Wenn Sie sich unerlaubterweise auf der Landstraße befinden — Sie müssten zumindest in Gifhorn eingewiesen sein ..." und wurde dann sehr frech und hat uns rausgewiesen. Soweit der allerschlimmste Mann, den wir bisher angetroffen! Wir gingen dann zum OGL, der gab uns die Bescheinigung, daß wir keine Urlauberkarten bekommen hätten.

Frau Bolte hat uns Kaffee gebrüht, Emmi die anderen geholt und wir alle daselbst gefrühstückt. Emmis schwarze Stute hat nicht gefressen, deshalb nochmal Pierrot heute an Reichauer Wagen und die schwarze Liese angehängt. Heu, Hafer und Häcksel von einem anderen Hof bekommen.

27.03. Abfahrt ½ 10 Uhr morgens. Schönes sonniges Wetter, aber kalter Wind. In Meine rechts ab nach Rethen, Braunschweig bleibt links liegen. ½ 1 Uhr mittags. In Rethen Pferde gefüttert, kein Mittag heute bekommen. Stullen und Buttermilch gegessen. Emmi beim Bürgermeister gewesen und zwar keine Urlaubermarken, sondern richtige Karten für je eine Person für einen Monat bekommen — in Rötgesbüttel war das nicht möglich! Hier die Karten sogar ohne Unterschrift und ohne Vermerk auf dem Treckzettel erhalten. 13:30 Uhr Weiterfahrt nach Großschwülper. ½ 3 Uhr über Straßenkreuzung Braunschweig-Celle.

Um ½ 5 Uhr in Bortfeld ein sehr gutes Quartier bei Frau Voges erhalten. Frau Voges, alleinstehende ältere Frau mit Bauernhof, hat ihr Land verpachtet. Unten ein Wohnzimmer angewiesen, dann für Preuß oben ein Schlafzimmer mit 2 Betten, eins davon dreischläfrig, anderes zweischläfrig. Weiß unten ein Schlafzimmer mit dreischläfrigem Bett. Vom Nachbarn Gutsen Hafergarben, Häcksel, Milch und 10 Eier bekommen. Vom Ortsbauernführer großes Bündel gutes Heu. Zum Abend Salzkartoffeln, Speck-Zwiebelsoße und eine Schüssel Sauerkohl von Frau Voges. Gut gegessen. Ich habe noch zu telefonieren versucht, vergebens.

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Mittwoch, 28.03.1945. — Heute hat unser Papa, mein Mann Walter Geburtstag. Emmi hat sich in der Uhr versehen, die Pferde schon um 3 Uhr früh gefüttert. — Morgens hat uns eine junge Verwandte von Frau Voges von allein ungefragt 10 Eier gebracht, eine Weile später eine andere Verwandte einen Topf Milch und 25 Eier. Wir sind sehr gerührt davon.

¾ 9 Uhr Abfahrt von Bortfeld über Vechelde, ein größeres Dorf. Ich bin ein kleines Stückchen mit einem Bauern im Einspänner mitgefahren. Derselbe dringend geraten in Groß Lafferde zum Gastwirt und Bürgermeister zu gehen. Dort sei auch ein Bauer aus Tilsit eingewiesen. Werden mal sehen. Jetzt 12 Uhr mittags. Noch ein paar km bis Lafferde.

Um ¾ 1 Uhr vor Gasthaus Brandes, Gr. Lafferde. Wir standen kaum, da wurden wir schon zu Mittag hereingebeten. Als die Pferde ihr Futter hatten, gingen wir auch gleich rein. Da war schon der Tisch gedeckt für 9 Personen und es gab eine sehr gute Graupen-Kartoffel-Gemüsesuppe, gut mit Fleisch gekocht! — das Essen muß irgendwie bestellt worden sein. Herrn Petereit aus Tilsit gesprochen, der war aber schon im Oktober/November nach hier gefahren.

Bis Hoheneggelsen heute 18 km gefahren. Zwischen Groß Lafferde und Hoheneggelsen zum erstenmal in dieser Gegend größeres Gut angetroffen, jedenfalls Ackerflächen und Gespanne, die größerem Gut zugehören müssen. Sonst immer nur Bauernhöhe bis zu 300, 400, 500 Morgen höchstens.

14:50 Uhr in Hoheneggelsen, Kreis Marienburg, für kurze Zeit gehalten. Vier Herren fragten uns gleich der Pferde wegen, wollten uns gleich hier behalten, hatten nur kein Quartier für uns. Emmi ist nach Kartoffeln ausgegangen, Irene nach Eiern. In Hoheneggelsen Fische = Schollen zu kaufen bekommen. Emmi für 6,00, ich für 11,00 Mark, ich wohl 11 Pfund. Auch von da ca. 20 Pfund Kartoffeln ohne Geld erhalten. Bis Garbolzum heute 23 km und weitergefahren über Schellerten bis Farmsen.

In Farmsen bei Bauer Krone Quartier erhalten bei zwei alten Fräuleins und einem alten Neffe von ihnen. Abends Kaffee und Wurstbrot gegessen. Dann Kinder zu Bett gebracht. Dann hat uns das eine alte Fräulein noch Eierflinsen mit Kompott gebacken. Oben in einem Zimmer mit zwei Betten, Großmama, Irene und Frank-Leopold geschlafen. In Kammer nebenan ein Bett, wo alle drei Reichauer schliefen. Ellinor und ich über die Straße in ganz altem Hause ohne Fenster im Bett von anderer Flüchtlingsfrau geschlafen. Peter in der Scheune. Die Wagen standen auf dem Hof. Ziemlich spät zu Bett gegangen. — Charlotte hat eine Bachstelze gesehen. —

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Gründonnerstag, 29.03.1945. Heute früh liegt „Putti" tot im Stall. Ganz ruhig, ohne Anzeichen, daß sie irgendwie gekratzt, sich gewälzt oder sonst was hat. Hat auch am gestrigen Tage absolut keine Anzeichen, nicht die geringsten einer Ermüdung gezeigt. Auch die ganzen 10 Wochen nichts Nachteiliges an ihr bemerkt. Anscheinend Herzschlag bekommen.

Abfahrt 9 Uhr ohne Putti!

Unterwegs trafen wir diese Tage und heute ganz besonders die vielen Wagen mit Flüchtlingsgut aus Hildesheim. Unser Mut sinkt auf Null, da wir annehmen müssen, in Bad Salzdetfurth ist alles besetzt. So schlecht war mir eigentlich noch keinen Tag zu Mute, als an diesem vor lauter Angst, wie es sein wird, wenn wir nun an unserem sogenannten Endziel landen. Unterwegs hörten wir dann noch, daß in Bad Salzdetfurth auch eine Bombe gefallen ist. Wir ließen Hildesheim rechts liegen. Nachmnittags ½ 2 Uhr dann Einfahrt in Bad Salzdetfurth. Die Verwandten haben, auch ohne Erhalt unserer letzten Karte, an diesem Tag mit unserem Kommen gerechnet. Kurz vor der Bodenburgerstraße 8 sehen wir dann auf der Straße schon meine Schwester Edith Wasgindt. Wir fahren weiter bis zur Schwester Ida Neumann. Georg, Trudel, Elly finden sich ein.

Frau Schneider, unsere Bezugsadresse, war leider gerade nicht zu Hause, sie ist nach Hildesheim gefahren, Sachen holen. Deshalb dauerts ein bißchen lange, bis wir alle wissen, wohin mit uns. Als sie zu Hause ist, klappt es dann natürlich. Die Reichauer schlafen noch auf ihrem Wagen, wir schon in unserem Zimmer bei Frau Kühne, der Schwester von Frau Schneider. Großmama bei Elly und Trudel. Es hat den ganzen Tag etwas geregnet. Als ich beim Aufwachen dieses merke, denke ich „Regen bringt Segen". Möge es stimmen und wir tatsächlich Gottes Segen hier erfahren. Seine wunderbaren Wege hat er uns ja sowieso geführt, daß er alle 6 Schwestern und Schwägerin Elly zusammenfinden ließ und hierher geführt hat. „Gottes Wege sind wunderbar und er führet alles herrlich hinaus"!

Zu Mittag bei Trudchen gebratene Schollen gegessen.

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Freitag, 30.03.1945. Erster Tag in Bad Salzdetfurth, gut geschlafen in Frau Schneiders und Ellys Betten, nichts geträumt.

Emmy bekam eine Wohnung bei Frau Martha Meier. Mittags dann unsern Wagen vor die Haustür gefahren, alles nach oben in die Kammer gebracht. Erbsensack zerrissen, Roggenmehl muffig usw.. Frau Kühne hat beim Abladen geholfen. Es regnet wieder. Bei Trudel Mittag gegessen. Lungenhaschee und Kohlrabi. Geschlafen, Fliegeralarm, weiter geschlafen.

Frau Schneider ist ein einzig guter Mensch, Frau Kühne ebenfalls. Frau und Herr Kienscherf genauso!

Heute Abend mit den Kindern und Ida und Georg im Kaiserhof gespeist, Graupensuppe.

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Samstag, 31.03.1945. Frau Schneider und Frau Kühne sind mit Peter, unseren Pferden und Meiers Wagen früh 4 Uhr nach Hildesheim gefahren. Für mich Kleiderschrank, Kochhexe, Kochtöpfchen, Haarbesen, Mopp, Schrubber, Handfeger und Schaufelchen mitgebracht. Ida hat den ganzen Tag geholfen. Trudel gestern uns schon polizeilich angemeldet, Karten und heute Eier besorgt. Meine Betten und Wäsche zum Teil sehr feucht, verstockt usw.. Vormittags kamen sie noch von Hildesheim zurück. Der Kleiderschrank wurde aufgestellt. In der Verpflegungsküche bei Frl. Strewe zu Mittag gegessen. Ida hat den ganzen Tag geholfen auspacken, einräumen, Betten sonnen, beziehen, Zimmer aufwischen usw.. Abends habe ich noch mir und beiden Mädels bei Schneiders den Kopf gewaschen, mir den ganzen Körper abgerieben. 11 Uhr zu Bett. Am Morgen für alle frische Wäsche! Elly hat viele Kleider von mir aufgebügelt und gebracht.

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Sonntag, Ostern, 1.04.1945. Früh 7 Uhr aufgestanden, fertig gemacht, dann zu Ida und Edith zum Frühstück gegangen, gut gegessen! Mit Herrn und Frau Lucke unterhalten. Dann noch ein Weilchen zu Elly und Trudel gegangen, von da zu Mittag in die Verpflegungsküche. Nudelsuppe, Gulasch mit reichlich Kartoffeln. Dann noch ein Weilchen zu Emma gegangen, von da zu uns, dann zu Idel.

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2. — 10.04.1945. Sämtliche Tage mit sehr viel/Besorgungen, Laufereien, Wäsche, Holz im Wald lesen u.dgl., eigentlich sehr schnell vergangen. Fichtenzapfen 5 Säcke voll gelesen.

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Sonntag, 8.04.1945. Vormittag 9 Uhr fuhren die ersten amerikanischen Panzer durch Bad Salzdetfurth - nach vielen Tagen der Spannung, der allergrößten Anspannung der Nerven.

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Montag, 9.04.1945. Nicht gewagt, sehr viel rauszugehen, aber dennoch viel eingekauft an Lebensmitteln, was es nur gab, genauso wie am Sonnabend, 7.04. und die Tage vorher. Trudel half meine Kochhexe aufstellen.

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Dienstag, 10.04.1945. Vormittags sind Emmi und Trudel in den Wald gegangen, loses Holz zusammenzutragen. Nachmittags mit meinen Pferden und Meiers Wagen dasselbe Holz mit Peter rausgeholt, noch 5 Säcke Fichtenzapfen dazu gesammelt, meine drei Kinder und Emmis zwei und Jochen Kühne mitgeholfen.

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Mittwoch, 11.04.1945. Emmi große Wäsche, ich ihr dabei geholfen, inzwischen aber noch einkaufen gegange, angestanden, Idel am Nachmittag auch etwas geholfen. Heute auf unserer Kochhexe richtiges Essen zum Abend gemacht: Setzei, Soße, Pellkartoffeln, Pudding und Marmelade.

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Freitag, 13.04.1945. Gestern Wäsche geplättet, Großmama hat sie geflickt und gestopft. Heute kleine Wäsche gewaschen, aufgehängt, dann wieder viel wegen Besorgungen rumgelaufen. Abends Anzugstoffe für Frank-Leopold und Mantelstoff gekauft.

Heute kam die Nachricht durch, daß Roosevelt gestorben ist. 120 km vor Berlin stehen die Amerikaner. Hier in Bad Salzdetfurth hat sich allmählich alles beruhigt.

Ich habe heute Räumungsfamilienunterhalt für April erhalten und zwar 215 RM. Bißchen sehr wenig für mich. Etwas Kohlen zum Brennen heute eingesorgt. Emmi hat Gartenland für uns alle zugesagt bekommen und zwar 30 Ruten, also für 15 Personen je 2 Ruten.

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Sonntag, 15.04.1945. Morgens noch Wäsche abgenommen, kleine Wäsche noch gewaschen und gehängt. Zum Mittagessen in die Volksküche gegangen. Nachmittags mit Emma unsere 30 Ruten Gartenland in 15 Teile abgesteckt, Dann zum ersten Male ein paar Stunden Ruhe gehabt in Bad Salzdetfurth.

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Montag, 16.04.1945. 7 Uhr aufgestanden, schnell alles besorgt, Stullen zum Mitnehmen fertig gemacht, dann 9 Uhr bei Trudel und in den Wald an die „Kalte Wand" gegangen, Holz einschlagen. Herr Pullima, unser Peter, Trude, Elly, Emmi, Georg, Irene und ich bis ½ 5 nachmittags dort geblieben und alle tüchtig gearbeitet — 2 große Haufen gutes Hartholz geschafft. Frank-Leopold, Helga und Monika zur Großmama gebracht und abends abgeholt. Ellinor war bei Ida, die mit Anpassen und Nähen für ihre Kleidung sorgte. Abends sehr müde und zerschlagen nach Hause gekommen, Abendbrot gemacht, aufgeräumt und um 9 Uhr zu Bett gegangen. Es war ein sehr schöner warmer, fast heißer Tag, ich bin ordentlich von der Sonne verbrannt.

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Dienstag, 17.04.1945. Peter, Emmi, Georg, Trude, Elly, Edith, Herr Pullima haben den ganzen Tag im Walde an der Kalten Wand Holz geschlagen, 2 große Haufen. Ich bin zu Hause geblieben, habe nachmittags geplättet, bin aber sehr matt vom Holzschlagen.

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Mittwoch, 18.04.1945 Mein Zimmer nochmal ummöbliert. mein Bett vom Fenster weggerückt, da in der Nacht starkes Gewitter war.

Ab Mittag auf unser Gartenland gegangen — alle: Ida und Georg, Edith, Elly, Trude, Emma, ich mit drei Kindern. 1 Ztr. Kali auf 30 m2 gestreut und angefangen zu graben. Heute sehr heißer Tag.

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Donnerstag, 19.04.1945. Alle, außer Elly und Trude auf Gartenland gegangen, 7 Familien = 30 Quadratruten, also je Kopf 2 von Ortsbauernführer Meier erhalten, ich also 8 m2, aber sehr schlechter Boden! Elly und Trude nicht mehr weitergemacht, wir anderen noch weiter --. Aber eine Hundsarbeit! 1 Korb Frühkartoffeln „Sieglinde" gepflanzt, dazwischen Salat, Kohlrabi, Weiß- und Wirsingkohl. ½ 5 Uhr nach Hause, da um 6 Uhr abends Ausgehverbot besteht. Heute zwar Sonne, aber sehr kalter Wind. Alle sehr müde! Bratkartoffeln und Kohl, Tee, dann schnell zu Bett. Heute sind wieder viele Flugzeuge am Himmel gezogen.

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Freitag, 20.04.1945. Wieder 5 Uhr aufgestanden, da auch heute aufs Gartenland gegangen werden soll.

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Samstag, 21.04.1945. Mein Geburtstag, so wie jeden anderen Alltag gearbeitet. Am Nachmittag kamen doch Gratulanten, trotzdem ich es jedem untersagt hatte. Ida und Georg brachten eine Torte, Trude, Edith, Elly, Großmama einen Blumentopf. Frau Schneider kam mit Papierservietten und echten Teetabletten. Frau Kienscherf mit neuem Staubtuch. Ich bot nur ein paar Zigaretten an.

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Montag, 23.04.1945. Herr Kienscherf hat Geburtstag, ich bin gratulieren gegangen.

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Mittwoch, 25.04.1945. Frau Marlies Schneider hat Geburtstag. Peter, Georg, Emma, Elly, Edith und Trude im Wald den 6. Haufen Holz eingeschlagen, bisher von den Amerikanern von 7 — 18 Uhr Ausgang gewährt, ab heute von 6 — 20 Uhr. Ich bin mit meinen drei und beiden Reichauer Kindern auf unser Feld gegangen, Erbsen säen. Wir kamen sehr müde nach Hause. Abends Frau Schneider zum Geburtstag gratuliert.

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Donnerstag, 26.04.1945. Plötzlich ½ 12 Uhr mittags, stehen ein Amerikaner mit einem deutschen Dolmetscher oben in unserer Wohnung. Frau Kühne und ich müssen bis 3 Uhr nachmittags unsere Wohnung geräumt haben. Frau Kühne und ich zum Rathaus. Dann Emmi und ich zum Kommandanten.

Emmi allein noch beim Bürgermeister. - Ich bekomme 2 Räume hier in der alten Schule. Der hinterste Raum ist nur als Abstellraum zu benutzen, da ein Klosett drin ist und es sehr durchriecht. Der vordere Raum ist zwar sehr geräumig gegen das vorige Zimmer bei Frau Kühne, aber sehr hoch, Fenster und Türen schließen nicht, es ist sehr luftig und kalt! Ich werde hier wohl im höchsten Sommer kaputtfrieren, da auch keine Sonne — Zimmer liegt nach Norden und Osten. Emmi, Edith, Ida und Georg haben heute beim Umzug geholfen. Peter mit meinen beiden Pferden auch den ganzen Nachmittag.

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Freitag, 27.04.1945. Ida hat noch den ganzen Tag beim Umräumen geholfen, ebenso Emmi und Georg, hauptsächlich den Ofen aufstellen, meine Kochhexe einbauen, Edith hat auch noch geholfen.

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Samstag, 28.04.1945. Ida und Georg mit Handwagen meine ganzen Kohlen und das Holz von Kühnes hierher geholt. Den ganzen Tag feste gearbeitet, ganz schwarz und dreckig außerdem. Ich 2 Körbe Kartoffeln von OBF Meyer geholt und weiter eingeräumt, so daß ich heute mit dem Gröbsten fertig werde. Ida und Georg aßen hier zu Abend: Pellkartoffeln und Karbonade, Rippe. 1 Ztr. Zucker je Person 25 Pfd. — auf besonderen Berechtigungsschein gekauft.

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Sonntag, 29.04.1945. Sehr kalter Tag heute wieder, unser Zimmer noch kälter. Gut gefrühstückt: Milchsuppe mit Klunkern, Bratkartoffeln und Grützwurst. Dann ein Stückchen Rindfleisch aufgesetzt und angekocht. Morgens gleich zwei kleine Kuchen in Kochhexe gebacken, unten nicht gar geworden. Trotzdem sehr kalt in den Zimmern! Mittags 12 Uhr kommt Georg uns zum Mittagessen in den Ratskeller abholen.

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Samstag, 12.05. 1945. - 14 Tage nicht zum Schreiben gekommen. Jeder Tag ist hier immer sehr mit Arbeit und Lauferei angehäuft, unsere Füße wollen schon streiken. Die letzten Tage waren schon immer sehr schön warm, ja so gar richtig heiß. Gestern den ersten grünen Kopfsalat gegessen. Gestern Abend gingen Trude und ich zu Herrn Schlüter wegen einer Stelle für Trudel und neuem Quartier für meine Pferde nach Pfingsten. „Pierrot" ist sehr krumm.

Heute waren Emmi und ich mittags beim Bürgermeister Höfel wieder im Rathaus. Längere Zeit mit ihm sehr interessant unterhalten über alles Mögliche, als da wäre Unterbringung meiner Pferde, über unsere evtl. spätere Heimkehr usw.. Er hat uns jedwede mögliche Unterstützung zugesagt.

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Sonntag, 13.05.1945. Morgens ½ 8 Uhr Emmi, Leopold, ich und Herr Sterner Emmis beide Pferde nach Detfurth zur Gastwirtsfrau gebracht. Die Pferde gleich in den Weidegarten geführt. Vorerst wörtlich vereinbart: 14 Tage ohne gegenseitige Vergütung, dann erhält Emma pro Tag 5.- RM für beide Pferde, z.T. in Naturalien. Dort noch Apfelmost getrunken. Leopold 1 Tasse heiße Milch..

In Gemeinschaftsküche zum ersten Mal richtiges gutes Mittag heute: Brühe mit Gemüse und Nudeln, Kartoffeln, Soße, 1 Klops, Rhabarberkompott. Die Kastanien blühen.

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Montag, 14.05.1945. Ich ½ 7 Uhr früh für Frau Meyer nach Detfurth zum Gärtner Bange nach Eisbegonien gegangen. Als ich zurück war, kam ein Polizist mich ins Rathaus zu bitten, ebenso wurde Emmi dorthin gebeten. Dann hat Herr Bürgermeister Höfel in unserer Gegenwart Herrn Schlüter den sehr bestimmten und kurzgehaltenen Auftrag gegeben, für unsere Pferde und auch für uns zu sorgen. Er hat Herrn Schlüter richtig runtergekanzelt. Herr Schlüter hat uns dann alle Hilfe zugesagt. Peter streikt ab heute mit der Arbeit, da er angeblich krank ist.

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Dienstag, 15.05.1945. 2 Fuder Holz geholt. Peter streikt heute auch. Den ersten Tag heute unser Holz aus dem Walde geholt mit 2 Wagen: Emmis und meine Pferde mit je einem Wagen. Ziemlich viel Malheur dabei gehabt, liegen geblieben usw., abends erst mit dem 2. Fuder hier angekommen. Ich war beim Kirchenvorstand Herrn Bock wegen Holz hier abladen, Eckchen Keller usw.. — Seit gestern wurde Ausgang von 5 Uhr früh bis 9 Uhr abends gewährt.

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Mittwoch, 16.05.1945. Ich war nachts krank, daher bleibe ich im Bett. Heute wieder Peter in Arbeit, mit im Walde Holz holen, geht gleich viel besser. Er war ½ 10 Uhr mit erstem Fuder schon hier. Hanne und Lora zusammen gespannt. Im ganzen 3 Fuhren heute geholt. Geholfen haben Peter, Herr Sterner, Emmi, Trudel, Georg und letztes Fuder Edith anstelle von Emmi. Georg letztes Fuder auch nicht mit, da er nachmittags Konfirmandenunterricht hatte. Ich bin nachmittags aufgestanden, Ellinor hat geholfen, ein paar Sachen auszuwaschen. Pfefferkuchen angeteigt.

Mehl in anderen Sack getan, Säcke umgerührt. Irene vormittags zu Tante Ida, um Hemdhosen anzupassen. Am Nachmittag ging Frank-Leopold zu ihr. Mittagessen heute nach Hause geholt.

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Donnerstag, 17.05.1945. Heute Pfefferkuchen und abgerührten Kuchen beim Bäcker abbacken lassen. Gut abgebacken, nur der Pfefferkuchen ist viel zu dunkel. Trudel und Edith haben auch Kuchenteig und Pfefferkuchen angerührt und abbacken lassen — alles gut geraten.

Mit „Lora" und „Hanne" und Peter dreimal Holz aus dem Wald geholt. Pastor Storch war hier wegen Eckchen Keller von Frau Oelkers, das sie mir nicht geben will. Spät abends starker Gewitterregen. Regen für Gärten und Felder auch schon sehr nötig.

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Freitag, 18.05.1945. Da es gestern stark geregnet hat, wird heute nicht in den Wald gefahren, deshalb fährt Peter nach Hildesheim mit Frau Meyer und ihrem Pferd, einspännig. Trudel fährt mit nach Hildesheim. Edith geht daraufhin zu Emmi nähen. Ich habe Pfingst-Sommerkleider aufgebügelt und wieder Wollwäsche gewaschen. Ellinor ging zur Englischstunde. Nachmittag für Gemeinschaftsküche Kartoffeln schälen. Ich habe Hefekuchen mit Ersatzhefe und Kartoffeln angeteigt. Wollte nicht recht gehen, ist aber doch noch geworden und auch gut abgebacken in der Bäckerei. Gestern Morgen mit Trudel, Ellinor, Irene und Frank-Leopold 80 Tomatenpflanzen von Gärtner Bange aus Detfurth geholt, abends 30 hier angepflanzt.

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Pfingst-Sonntag, 20.05.1945. Länger gelegen, dann zur Kirche um 10 Uhr mit allen drei Kindern gegangen, auch Ida, Georg, Edith, Emmi und Charlotte. Predigt von Pastor Storch: „Nachdem um 9 Uhr die Amerikaner hier in unserer Kirche ihren eigenen Gottesdienst mit ihrem eigenen Pfarrer gehalten haben, mit eigenen Gesangbüchern und ihrem eigenen Organisten, wollen wir nun in unserer heimischen Kirche unser Pfingstfest halten". Vom Geist der Wahrheit und dem Geist der Unwahrheit, der die Gottgläubigkeit auf sein Schild gehoben. „Der Wolken, Luft und Winde gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann".

Wir haben hier morgens sehr feiertäglich unser Frühstück eingenommen, Kaffee und Kuchen. Mittags in der Gemeinschaftsküche Pilzextraktsuppe, Zungenragout mit Weinsoße und Bohnen, resp. Selleriesalat. Abends zu Hause Salzkartoffeln, Würstchen, Pudding und Marmelade.

Die Kinder haben noch Kindergottesdienst und Taufen beigewohnt, dann den ganzen Nachmittags bei Margret Meyer Taufe gespielt.

Margret ist neun Jahre alt und Tochter von Martha Meyer, bei der meine Pferde von Anfang an stehen. Sie hat ihren Mann im vorigen Jahr verloren, gestorben, nachdem er im Weltkrieg ein Bein verloren hatte. Der Sohn Ernst ist Soldat in Südfrankreich.

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Pfingstmontag, 21.05.1945. Bis ½ 9 Uhr im Bett gelegen, gefrühstückt, dann bin ich mit Trudel und Elly zu Herrn Schlüter gegangen wegen unserer Pferdeunterbringung und Trudels Stelle. Denselben nicht angetroffen, von seiten seiner Frau bekamen wir eine ziemlich kalte Abfuhr. Die Kinder gingen spazieren. Mittagessen in der Gemeinschaftsküche: Rindfleisch mit Nudeln, als Pudding Götterspeise. Die Kinder gingen wieder zu Margret spielen, ich habe zu Hause gegessen und gelesen. 5 Uhr ging ich zu Frau Kühne, oben bei Schneiders noch Brotpudding mit Vanillesoße gegessen. Zu Hause Abendbrot gemacht, Stückchen Rindfleisch geschmort mit Pellkartoffeln und Rest Grießpudding. Abends Füße gewaschen und Tagebuch geschrieben. Beide Pfingsttage ziemlich kühl, heute regnerisch. Jetzt abends regnet es ziemlich stark ½ 10 Uhr.

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Mittwoch, 23.05.1945. Gestern bat ich Herrn Noske, für meine Pferde Quartier zu besorgen. Heute Vormittag 9 — ½ 12 Uhr bei Emmi gewesen, ihr Holz einmal durchgeschnitten, nachmittags ½ 4 — ½ 7 Uhr mit der Kreissäge kurz geschnitten, aufgeladen, 4 Wagen nach Hause geschoben. Georg, Edith, Trudel geholfen. Emmi und ich noch bei Bauer Grumbrecht, Fuhrhalterei Oelkers und Borchers meiner Pferde wegen gewesen, umsonst. Ich dann noch zu Frau Kühne gegangen, ob sie nicht noch einmal bei Herrn Schlüter versuchen will. Ellinor Erbsen mit Speckschwarten und Pellkartoffeln gekocht. Abends noch an Frank-Leopolds Hosen genäht, Strümpfe gestopft und Tagebuch geschrieben, Füße gewaschen, ins Bett. Wetter heute trübe, etwas regnerisch. Peter hat nachmittags bei Meyer gearbeitet.

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Donnerstag, 24.05.1945. Nachts hat es stark geregnet. Mit Trudel vormittags zum Bürgermeister wegen meiner Pferde und einer Stelle für sie. Von Herrn Rawohl 130.- Mark Unterstützung bekommen. Passierscheine sollen wir uns morgen um 10 Uhr abholen. Bei Frl. Asche Horststraße 23, gewesen wegen unserer Nachzahlung, Pferdefutterbezahlung, sie aber nicht angetroffen. Frau Professor Hiersche im Rathaus gesprochen. Vor dem Mittagessengehen Herrn Schlüter gesprochen. Heute Steckrübeneintopf, gut geschmeckt. Frau Martha Meyer hat für meine Pferde ihren ca. ¾ Morgen großen Weidegarten angeboten, ich sah ihn mir an und nahm das Angebot an.

Mit Herrn Friedrich Meier verrechnet und noch 74,80 Mark für Pferde erhalten. Heute Abend bekamen die Pferde zum ersten Mal Grünfutter von Friedrich Meier in die Krippe. — Abends wurden Jungens verhaftet, die den Amis Zigaretten gestohlen haben sollen.

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Freitag, 25.05.1945. Nachts noch wieder Regen. Morgens zum Fleisch-Rotwurst-Einkauf angestanden. Dann ½ 10 Uhr mit „Lora" und „Pierrot" in den Weidegarten geritten. Irene und Margret sind dort geblieben, ich habe ihnen Mittag hingebracht und nachmittags die Pferde wieder in den Stall geholt. Abends noch Häcksel gefüttert. Noch Brot, Butter, Mehl und Nudeln eingekauft. Zum Abendbrot saure Schwarten, Pellkartoffeln und Kopfsalat. Ellinor half Frau Prof. Hiersche einen Sack Kleinholz vom Kaiserhof in den Konfirmandenraum holen. Kein Regen, aber ziemlich kalt. Abends noch zu meinen Pferden und zu Peter und Emmi gegangen.

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Sonntag, 27.05.1945. Gestern Vormittag war Lora nicht auf der Weide, sondern bei Frau Meyer in Arbeit an der Kalten Wand. Nachmittags beide Pferde mit Herrn Sterner zum Holzfahren, vom Wald bei Wehrstedt, Pierrot hingefallen, ganz voll Lehm.

Heute beide Pferde und Peter nach Hildesheim für eine Frau Gehse, die bei Rasches wohnte: Plattenwagen voll Sachen und Frau Gehse nach Hildesheim gebracht. Ich bekam dafür 30.- Mark und Peter 4 Schachteln Streichhölzer und 10.- Mark Trinkgeld. Ab 3 Uhr beide Pferde dann noch auf Weide bis 8 Uhr. Ich gehütet. Vormittag ging ich mit allen Kindern zur Kirche, Ida, Georg, Edith und Charlotte auch. Am Nachmittag Trudel und Edith zum Skat — ich konnte aber nicht mitspielen, da ich Pferde hüten mußte.

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Montag, 28.05.1945. Heute früh 7 Uhr Peter mit Lora und Pierrot zur Schmiede, Hufeisen erneuern, dann 10 Uhr in den Wald zur Kalten Wand Holz holen mit Peter, Georg, Elly und Edith. Von Knackstedt 4 Pfd. Sirup gekauft. Heute nicht in den Ratskeller zur Gemeinschaftsküche, da daselbst 18 englische Polizeimänner beköstigt werden müssen. Dafür zum Kaiserhof essen gegangen: 4 x Essen á 95 Pfg. und 1 Zitronensprudel zus. 4,60 Mark bezahlt. Im Ratskeller 4 x Essen 1,80 Mark bezahlt. Für Erwachsene pro Kopf 50 Pfg., Kinder unter 10 Jahren 40 Pfg. Am Sonntag 10 Pfg. pro Person mehr. Heute Nachmittag Emmis gehacktes Holz in einen Meiler auffleien geholfen. Wir wurden von Frau Goldmann zu 2 Tassen Kaffee eingeladen, schmeckte sehr gut. 2 x im Wald, Peter, Georg, Edith, Trudel und Elly besorgten Erbsenstrauch.

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Dienstag, 29.05. Onkelchen kam heute in Bad Salzdetfurth an. Seine Elly war gerade im Wald. Nachdem Onkelchen, seine Tochter Monika und seine Mutter, unsere Großmama, begrüßt hatte, hat ihn Frl. Stoffregen zur Kalten Wand zu Elly geführt. In Berlin wurde er zum zweiten Mal an der linken Hand verwundet, ebenso am Kopf. Er ist von Berlin nach Neustrelitz zu Fuß gegangen.

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Donnerstag, 31.05.1945. Von der katholischen Kirche wurde Fronleichnam und von der evangelischen der Hagelfeiertag gefeiert. Wir sind morgens früh mit den Kindern nach Detfurth gegangen, um die draußen aus Blumen hergerichteten Altäre und den Fronleichnamsumzug den Kindern zu zeigen.

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Freitag, 1.06.1945. Onkelchen übernahm meine beiden Pferde, um erstmals Fuhrhalterei und Lohnfahrten zu machen, hauptsächlich Holz aus dem Wald holen. Für Herrn Kühn, Rathaus, 2 x von der Kalten Wand Holz geholt am Vorm. für 18,00 Mark. Nachmitttag Pierrot im Weidegarten und mit Lora für Frau Martha Meyer Holz geholt. Bruno hat den Wagen von ihr zurechtgemacht. Heute, Samstag, 1 x für Hasse , Hutgeschäft, 1 x für Frl. Alforth, Rathaus, 1 x für Böttiger von Wehrstedt und weiter Holz geholt = 39,00 Mark.

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Sonntag, 3.06.1945. Bis ¾ 8 Uhr gelegen, dann kam Bruno und sagte mir, er wäre verhindert, ich möchte selbst beide Pferde in den Weidegarten bringen. Irene und ich zogen uns ganz fix an, 8 Uhr abgeritten, 9 Uhr zurück. Ellinor hat inzwischen Betten gemacht, Zimmer aufgeräumt usw.. Morgenkaffee getrunken, zu Mittag saure Klops gekocht; Ida und Georg haben auch hier gekocht und wir aßen zusammen. Kaffee getrunken. Es war ein Ausruhsonntag; bißchen gelesen und geschrieben. Frank-Leopold hat einen kranken Hals, blieb nachmittags im Bett, Tabletten gegeben, Wickel gemacht, hat aber kein Fieber. Sehr heißer Tag heute. Ellinor und Irene auf Decken draußen tüchtig gesonnt, Irene dann zu Margret spielen gegangen.

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Mittwoch, 6.06.1945. Heute Nacht habe ich geträumt: Walter hat zu Hause in Kranthau Kuchen gebacken, derselbe war ihm nicht aufgegangen, da kommt die alte Frau Helbing quer über Steckels Feld zwischen Scheune und großen Stall auf unseren Hof rauf und bringt ihm im spitzen Tütchen Hefe mit. Sie war schnell gegangen, so daß sie mit der Hefe noch zurecht kam. Außerdem wollte Walter durchaus die Frau Rosner, Steckels Instfrau, als Hilfe auf den Hof nehmen und ich riet sehr dringend ab. Soweit mein Traum.

Montag nachm. und Dienstag 4 Haufen Holz auf dem Sportplatz mit Bandsäge geschnitten, bezahlt 58,00 Mark für Ida, Edith, Elly und Trude. Vormittags hat Bruno mit meinen Pferden 1 x Holz gefahren, nachmittags in Klötze geschnitten und abgefahren.

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Sonntag, 10.06.1945. Wir gingen zur St. Georgskirche, Superintendent Petri gepredigte: Gerechtigkeit erhöhet ein Volk, aber die Sünde ist der Menschen Verderben. Und: An Gottes Segen ist alles gelegen. — Nachmittags gingen wir aufs Feld, unser ganz und gar vergrüntes Stück hacken — die Kartoffeln sind schlecht aufgegangen.

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Dienstag, 12.06.1945. Ich bin mit Herrn Noska mit seinem Opel um 9 Uhr mit nach Hildesheim gefahren, Peter auch. Auf dem Landratsamt für Peter Bezugsscheine für Arbeitsanzug und Schuhe bekommen, aber nichts zu kaufen gekriegt. Ich war dann noch im Regierungsgebäude gewesen. ½1 Uhr Abfahrt von Hildesheim, nach 20 Min. Fahrt wieder in Bad Salzdetfurth. Nachm. mit Idel und Ellinor wieder aufs Feld hacken gegangen. Emmi auch, dieselbe ordentlich gezankt, weil alles vergrünt war. Edith auch auf ihrem Stück gehackt. Abends haben Irene und ich die Pferde vom Weidegarten geholt.

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Mittwoch, 13.06.1945. Morgens hat Bruno mit Oelkers Rollwagen fürs Rathaus Möbel und Sachen nach Hildesheim gefahren, Fahrt 50,- Mark. Ich fuhr mit, um mir Land und Gegend anzusehen. Sehr kaltes, regnerisches Wetter. Zurück 21 Kartons Gemüsekonserven fürs Lazarett mitgebracht. Idel hat gestern und heute für mich gewirtschaftet, gekocht und Kartoffelflinsen gebacken. Abends früh zu Bett.

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Freitag, 22.06.1945. Mein Mann Walter kam heute hier in Bad Salzdetfurth an! Ellinor und ich waren im Walde Tannenzapfen sammeln, da kommt Elly uns entgegen und sagt „schnell, schnell nach Hause, Walter ist da"! Walter war zuerst zu Frau Schneider gegangen, sie sagte ihm, daß ich und alle drei Kinder und Mutter gesund hier sind, ebenso Bruno, die anderen Tanten, Nichten und der Neffe.

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Sonntag, 22.07.1945. Am Freitag, 20.07., kam Frau Kuschinske aus Rodenkirchen bei Oldenburg hier zu Besuch. Sie will morgen früh zurückfahren. Sie hat heute erzählt, daß Herr Heitmann, Schwiegersohn vom Gutsbesitzer Rekittke in Schwenkendorf, unseren Vetter Willi Eissing mit seiner jungen Frau in Schleswig-Holstein getroffen hat. Willi Eissing aus Himmelforth, war bei H. von Götz in Amalienruh als Verwalter tätig.

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Dienstag, 7.08.1945. Am Montag, 30.07. ist Großmama nach Wrisbergholzen zu Bruno und Elly und Monika gezogen. Trude' hat am Tage darauf eine Stelle als Wirtschafterin auf dem Gute in Marienburg bei Hildesheim angenommen. Edith, Ida und wir sind noch immer hier in Salzdetfurth. Ida hat seit 2 Tagen eine 3-Std.-Beschäftigung am Tage bei Herrn Schill und Sohn im Ort angenommen, hauptsächlich Mittag kochen. Edith lebt nur für ihre Tochter. Walter fährt tüchtig Holz von der Kalten Wand und oft nach Hildesheim, in den letzten 8 Tagen drei Mal.

Unsere Kinder bekommen seit einer Woche regelmäßig Religionsunterricht in der Schule, zweimal eine Stunde/Woche. Wenigstens etwas und es ist ein Anfang gemacht. Die letzte Zeit war schönes warmes Wetter. Ich habe drei Nachmittage bei Frau Meyer in der Ernte geholfen, Weizen, Gemenge, Hafer binden und aufsetzen.

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Donnerstag, 23.08.1945. Regenwetter; morgens früh machten Walter, ich und Ellinor uns mit Lora auf eine Fahrt nach Äpfeln. „Bei einem Wirte wundermild, da war ich jüngst zu Gaste, ein goldner Apfel war sein Schild an einem langen Aste. — Ich fragt ihn nach der Schuldigkeit, da schüttelt er den Wipfel — gesegnet sei er allezeit von der Wurzel bis zum Gipfel". Anschließend fuhren wir nach Wrisbergholzen zu Elly, Großmama, Monika und Bruno. Sie wohnen in ganz ollem Hause mit niedriger Stube usw.. Walter sang: „Unterm Dach juchhe, unterm Dach juchhe, hat der Sperling seine Jungen; als sie wieder munter warn, fingen sie an zu sungen, sungen...".

20 Pfd. Birnen von Bruno gekauft, Rot- und Wirsingkohl und ein 6-Pfd.-Brot. Bei Elly zu Mittag gegessen. 1 Ztr. Äpfel unterwegs gepflückt. Gegen 3 Uhr waren wir wieder zu Hause.

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Freitag, 24.08.1945. 7 Uhr früh fuhr ich mit Leopold mit der Eisenbahn nach Hildesheim zum Landratsamt, zur Militärregierung 1004 und zur Militärregierung 122, zuständig für die Stadt Hildesheim.

Ich war auch beim Augenarzt Dr. Spengler, Städtisches Krankenhaus, Am Weinberg, ich habe für die Untersuchung 10.- Mark bezahlt und bekam eine Brille verschrieben. Abends ¾ 6 Uhr mit dem Zug wieder bei Regenwetter zurückgefahren. Frank-Leopold war sehr müde, hat gegessen und ging gleich zu Bett. Ich habe noch die neuste Zeitung vorgelesen. Abends 8 Uhr holte Walter bei Regenwetter die Pferde aus dem Weidegarten.

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Sonntag, 26.08.1945. Frank-Leopold und Helga blieben zu Hause bei uns, wir anderen alle, Ida, Georg, Edith, Charlotte, zum Abschiedsgottesdienst von Pastor Storch: "Ach bleib mit deiner Gnade ..." usw., da Pastor Marx, hiesiger Pfarrer, aus Finnland zurückgekehrt ist. Ida und Charlotte haben bei uns zu Mittag gegessen. Nachmittags kam Trude von Marienburg zu Besuch, kurze Zeit Skat gespielt. Nachher kamen noch die zwei Ostpreußen-Verwundeten Herr Rautenberg und Herr Hinz hier zum Plauderstündchen.

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Donnerstag, 30.08.1945. Walter hatte Fuhren für's Rathaus nach Bockenem gemacht und Lebensmittel für Krankenhaus und Lazarett geholt. Gestern früh hat Peter unsere zweite Wiese mit ½ Morgen gemäht und Ellinor hat das Gras aufgestreut.

Ellinor betreut jeden Nachmittag von ½ 4 bis 7 Uhr das Kleinkind Harriet, Tochter der Freifrau van der Hoop, erhält jedes Mal 50 Pfg., sie ist also unser Großverdiener.

Nach wochenlangen Regenperioden ist seit einigen Tagen wieder schönes Wetter, gestern sogar sehr heiß. Gestern kam Emma aus Wrisbergholzen zu Besuch, auch Ida. Ida war mit Ellinor und Georg im Rathaus, gebrauchte Kleider und Wäsche zu empfangen.

Briefe an Grete per Adr.: Peter Keschelies, Braunschweig, Hauptpostamt, postlagernd, heute Frau Peters mitgegeben, die die nächsten Tage wieder nach Braunschweig fahren und den Brief dort einstecken will.

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Dienstag, 9.10.1945. Am Sonntag, den 7. Oktober, kamen Waltraut, Dorothee und Rudi hier an. Sie sind am Donnerstag aus dem Kreis Seehausen, unter russischer Besatzung, mit Handgepäck losgegangen und am Sonntag hier gut angekommen. Grete, Richard und Fredi sind noch dort geblieben.

In der vergangenen Woche hat Walter zum ersten Mal seinen eigenen neuen Rollwagen gefahren, den wir bei der Ledebur-Kaserne Hildesheim beantragt und den Schmiedemeister Meier hier fertig gemacht hat. Seit der Zeit fallen noch mehr Fahrten nach Hildesheim und sonstige Umzüge an. Von Förster Sasse bestelltes, geschnittenes Holz für 5 Hildesheimer gefahren.

Onkel Karl Wasgindt hat seine Frau Edith auf Luise Kalff's Karte hin gefunden. Karl kam nach Bad Salzdetfurth und nahm Edith und Tochter Helga auf einen Bauernhof von 60 Morgen bei Göttingen mit.

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Mittwoch, 17.10.1945. Heute hat Walter für Oberförster Strewe zweimal Holz auf seinen Hof gefahren. Etwas Regenwetter. Walter ist beim Holzfahren von der Fuhre Holz runtergeflogen, er hat Schmerzen im Kreuz und im Genick. Nachm. deshalb zu Hause geblieben. Walter und ich gingen zu Ernst Brüggemann, Hauptstr. 60, um die uns vom Bürgermeister zugewiesene Wohnung anzusehen. Wir wurden sehr abweisend dort empfangen, durften aber dann doch Stall und Wohnräume ansehen. Vorgestern ist Rudi mit Walter mitgewesen, 8 Meter Holz in Sellenstedt für Förster Sasse rausrücken helfen. 3 m für Sasse mit auf seinen Hof gebracht. 2 Ztr. Mohrrüben á 10.- und 2 Ztr. Kartoffeln ä 3,50 von unterwegs mitgebracht. Gestern war Walter in Hildesheim und hat von Ochtersum 40 Pfd. Birnen für 8,- Mark erstanden. Heute Abend bis ½ 9 Uhr mit Ellinor und Irene Strümpfe gestopft.

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Mittwoch, 24.10.1945. Bruno Neumann ist heute Abend hier angekommen. Er war im Einsatz im Kessel Danzig-Marienburg gewesen und wurde dort am Arm verwundet. Alle seine Sachen, wie Briefschaften, Mantel, Schuhe usw. sind verbrannt. Am 9. Mai ist er mit ca. 3 Millionen Mann in russische Gefangenschaft gekommen. Von Danzig über Marienwerder nach Dt. Eylau marschiert, dort in Bahnwagen verladen und nach Odessa gebracht arbeiten, ist selber noch in die Grube eingefahren. Die Gefangenen dort waren in Gruppen 1, 2, 3 und 4 eingeteilt. Gruppe 3 war schon fast nicht mehr arbeitsfähig, Gruppe 4 gar nicht! Bruno war in Gruppe 4, vom Arzt dort untersucht und für vollkommen arbeitsunfähig befunden und nach Hause geschickt worden. Am 3. Oktober ist er von Odessa abgefahren über Warschau, Litzmannstadt/Westpr. nach Frankfurt/Oder. Dort ausgeladen. Bruno ist dann noch in Potsdam in Elly's Wohnung gegangen. Frau Fricke, Nachbarin von Elly, gab ihm einen Koffer von Ida für Ida mit. Diesen hat er bis kurz vor die russ.-englische Grenze geschleppt, dann stehen lassen müssen und ist so hier angekommen. Vollständig zerlumpt und verlaust und furchtbar elend und alt geworden. Bruno blieb am Donnerstag im Bett, hat sich ausgeruht und fuhr am Freitag nach Hildesheim zum Gesundheitsarzt, da er sonst kaum Lebensmittelkarten erhalten würde. Am Samstag hat er wieder im Bett geruht.

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Samstag, 27.10.1945. Heute waren Ida und ich von Frau Goltermann zum Kaffee eingeladen. Schönen Apfelkuchen und diverse Tassen guten Bohnenkaffee getrunken, gut unterhalten. Frau Goltermann gab für Bruno noch mit: 1 Paar Schuhe, 1 Hut, 1 Oberhemd und 2 Kragen, 1 Taschentuch.

Walter hat heute keinen Umzug und auch kein Holz gefahren, da Regenwetter. Vormittag den geliehenen Pflug von Leinemann aus Detfurth zurechtgemacht und nachm. damit gepflügt auf Pachtland von Förster Sasse. Ellinor holte von Bange, Detfurth, früh morgens 2 Blumensträuße, schöne Chrysanthemen á 1,40 = 3.- Mark.

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Sonntag, 4.11.1945. Bisher war noch immer sehr schönes Herbstwetter, fast linde, fast Frühlingstage - außer einigen Regentagen zwischendurch. Den Umzug zu E. Brüggemann haben wir vollständig abgelehnt. Daraufhin sollte der Schlesier-Flüchtling Kern dorthin, derselbe auch abgelehnt. Daraufhin hat das Wohnungsamt jemanden ohne Pferde reingesetzt. Eines Tages der vergangenen Woche war Pastor Marx hier. In der Unterhaltung u. a. gesagt, er sei mit Mutter und Vater und mit 6 — 7 Schülern auch alle in einer Küche, warum soll es denn hier bei uns nicht mit 5 Personen in einem Zimmer gehen? Und: Erst müßten die Salzdetfurther auch einiges Pachtland vom Kirchenland bekommen, dann könnte auch an uns gedacht werden usw.. Also ist mithin seine innere Einstellung durchaus keinen Grad anders als die der Frau Brüggemann, die zu mir sagte: „Ja, wenn sie 10 Wochen mit ihren Kindern auf der Landstraße gelegen haben, warum geht's denn nun mit einem Mal nicht"? Und ein anderes Mal sagte sie: „.... warum sind sie nicht in Ostpreußen geblieben"?

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Sonntag, 13.01.1946. Bisher immer noch sehr schönes Wetter, ab und zu Regen. Heute fällt etwas Schnee. Heute besuchten uns: Rektor Kienscherf, Frau Goltermann, Förster Sasse und Trude.

Am Montag bis Mittwoch 7. — 9. Jan. war Frl. Hilde Borchert aus Kranthau, jetzt Wolfenbüttel, hier unser Gast, hatten uns viel zu erzählen, die 3 Tage reichten gerade so aus.

Am Freitag hatte ich Wäsche, die mir Ida gekocht, gespült, gehängt hat usw., da ich nach Hildesheim fuhr wegen Zuzugsgenehmigung für Großmama! Bekam sie aber nicht gleich, muß schriftlich eingereicht werden. Ich habe dann am selbigen Tag noch per Einschreiben an Bruno Mattern nach Wrisbergholzen geschrieben wegen ärztlichem Attest und Zimmernachweis.

Trude besuchte Großtante Weiß aus Sonnenborn letzte Woche, die erst am 7. November von Sonnenborn weggefahren, ausgewiesen, von den Polen rausgeschmissen worden ist! 3 Tage vorher sind wohl die Winkenhagener dort abgefahren: Tante Ida, Onkel Adolf und Lieschen Münnekhoff mit ihren 2 kleinen Kindern. Aber wie mögen sie rausgekommen und wo mögen sie jetzt sein? Tante Weiß aus Sonnenborn soll sehr elend sein und gar nicht kenntlich.

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Donnerstag, 17.01.1946. Walter und Ida haben heute die Großmama von Wrisbergholzen geholt, die am 30.7.1945 nach dort gezogen, also 5 ½ Monate dort gewesen ist.

Ihre Lebensmittelkarten für die Periode vom 7.1. bis 3.2.: 400 g Fleisch, 325 g Butter, 200 g Fett, 500 g Nährmittel, 500 g Marmelade, 500 g Zucker, 125 g Kaffeersatz, Brot zwar reichlich, Fleisch aber nur gerade so viel, als uns Normalverbrauchern zusteht, also 150 g je für die kommenden 2 Wochen, für diese halbe Woche 100 g Fleisch, obwohl Großmama bis zum 3.2. der Selbstversorgesatz von 500 g je Woche zusteht. Nun ja -.

Am Sonntag, 20.1. brachte Bruno noch eine Leberwurst, reicht aber trotzdem noch nicht aus.

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Dienstag, 29.01.1946. Irenchens Geburtstag — Vormittag war Charlotte einen kurzen Augenblick hier, um zu sagen, daß ihr Vater, Onkel Reinhold Weiß, gestern Abend in Wrisbergholzen eingetroffen ist, anscheinend von zu Hause aus Reichau/ Ostpr. gekommen ist, näheres wußte sie noch nicht.

Da unser Papa heute des schlechten Wetters wegen nicht zu Holze fuhr, haben wir früh alle 6 zusammen Kaffee getrunken, eine Leberwurststulle und gestern gebackenen Streuselkuchen gegessen. Mittags angeräucherten Schweinebraten von Liek'. Zu Kaffee gab es frischen Streuselkuchen, eine gefüllte Griestorte und verschiedenes Kleingebäck. Als Gäste kamen Georg, Margret Meyer und Heidemarie Schubert. Gegen Abend gibt es noch Pudding. Morgens kam schon Frau Wein, Buchhandlung, gratulieren mit roter Zopfschleife und Lesezeichen, nachmittags Frau Goltermann mit einem Apfel und 2 rosa Haarschleifen. Ich schenkte Irene neue Hausschuhe, Papa 20.- Mark, Ellinor 10.- Mark. Von Großmama erhielt sie gehäkelte weiße Hausschuhe und Kuchen, von Heidemarie 1 Bilderbuch, von Margret 1 Blumentopf und 5 Eier, von Georg 1 P. Strümpfe.

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Freitag, 1.02.1946. Großmamas Geburtstag.

Morgens früh, als noch alle außer mir im Bett waren, klopfte es und herein kommen Helga, Edith und Karl. Nachm. noch Ida, Bruno, Georg, dann Grete mit Traute, Dora und Manfred, dann Bruno und Reinhold; abends noch Charlotte und Trude. Trude mit großer sehr schöner Torte und Schweineschmalz, Käschen und einem Ei. Bruno mit einer Torte und einer Blutwurst.

Reinhold erzählte: Gräfin Groeben, Ponarien, ist tot. Er hat sie mit Brustschuß im Walde gefunden und mit einer Tochter von Bachmanns eingegraben.

Eduard Klautke und Albert Grünhagel aus Kranthau sind von den Russen verschleppt; im Auto abgeholt, mit dem Auto in der Reichauer Gegend schon gegen ein Haus oder Baum gefahren, mit mehrmals gebrochenen Knochen liegen geblieben. Dieses hat Reinhold nicht selbst gesehen, sondern andere, die es gesehen, haben es ihm erzählt.

Der alte Onkel Eduard Mattern in Polkenen ist auch tot.

Die junge Frau Lange aus Klein Luzainen wurde von den Russen erschossen, als sie trotz Verbot der Russen doch noch das Vieh füttern gegangen ist. Ihr Sohn ist am 3.11. mit rausgekommen.

Der alte Karl Wehran, Kranthau, ist auch tot. August Maschitzke, Eckersdorf im Dorf auch und beide Mädels verschleppt. Gehöft Grünhagel in Kranthau ist abgebrannt.

Gehöft und Schmiede von Walters Onkel Preuß in Seubersdorf ist abgebrannt. Er selbst und seine Frau leben, der Onkel schmiedet. Seine Schwiegertochter Grete Preuß, geb. Bahr aus Berling, wurde von den Russen verschleppt.

Edith erzählt, daß Schikowski, Eckersdorf, verschleppt worden ist und daß Lothar Schirrmacher lebt und er sich aus englischer Gefangenschaft gemeldet hat.

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Freitag, 8.02.1946. Hochwasser-Not! Die „Lamme" führt Hochwasser und nicht nur das, sie ist seit heute nachm. über ihre Ufer getreten.

Abends 8 Uhr spült das Wasser schon um die Pfarrhaus-Treppe. Walter hat sich ein paar Stullen mitgenommen, ebenso trockene Strümpfe und Schlorren und ist zu unseren Pferden zu Frau Meyer rübergegangen, um nachts dort zu bleiben. Die Pferde hat er abends schon hinten in der Scheune angebunden. Georg Neumann habe ich gebeten, nachts hierher zu kommen und er ist da, damit ich jemanden zur Hilfe habe, falls das Wasser so hoch steigt, daß es in unsere Zimmer kommt und wir hochstellen oder was ausräumen müssen, was Gott verhüten möge.

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Samstag, 9.02.1946. Reinhold Weiß ist hier und erzählt, daß Teichen aus Eckersdorf im Dorfstübchen von August Maschitzke wohnend, von den Russen erschossen wurde. Gniftke von Horn, ein großer Mann, hat in Reichau hinter Bergers Scheune tot gelegen, erschossen von den Russen. Borcherts Gebäude in Kranthau haben im Juni noch gestanden.

Otto Graf, Abbau Mohrungen, soll tot sein. Emil Bahr, Bergling, mit einem Arm, und Klautke von Willnau, der bei Bahr eingeheiratet hat, sind beide von den Russen erschossen — in Gegenwart ihrer Frauen.

Die Polen kamen Mitte Juli nach Reichau!

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Montag, 18.02.1946. Ein Schwein erhalten, einen Borg, zu Frau Meyer in den Stall gestellt. Gleich mit Trockenfutter angefangen, es frißt gut. —

Walter, Ellinor und ich zusammen gestern im Kino. zum ersten Malte mit unserer großen Tochter. Heute vorm. Frank-Leopold und Irene auch zum Kino: „Waldrausch" und Vorschau Wochenschau. Im allgemeinen herrscht jetzt schlechtes Wetter und Walter fährt sehr wenig in den Wald. Diese Wo. am 22.2. hat Frau Meyer 30 Bündel Stroh für unsere Pferde gegeben.

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Sonntag, 10.11.1946. Am 20. Juli 1946 sind wir hier zu Henkes in die Hauptstraße 44 gezogen.

Kurz vorher haben wir unser Pferd „Pierrot", vierjährig durch Starrkrampf verloren.

Bald danach konnten wir vom Händler Tostmann aus Hildesheim eine 2 ½ jährige Stute „Lady", Hannoveraner, kaufen.

Am 23. August kauften wir ebenfalls von Tostmann für 1.140 RM unsere Kuh „Wanda". Das Schaf „Lotte" schon im Frühjahr von Fredis Hof in Upstedt gekauft. Die Eintagsküken von der Brüterei Bodenburg am 4.4. bezogen. Davon 6 Junghennen, von denen die erste am 23.8. mit Legen anfing, die anderen fünf im September.

Vergangenen Sonntag war Herr Hülsen zu Besuch. Er erzählte, daß er Post von seiner Familie aus dem Samland erhalten habe.

Gestern am Abend war Herr Werner Farrensteiner aus Schieder-Lippe zu Gast, früher Ostpreußen. Bis ½ 11 Uhr viel zu erzählen gehabt.

Wie allsonntäglich, so auch heute Walter, Ellinor und ich zur Kirche. Irene und Frank-Leopold um 2 Uhr zum Kindergottesdienst.

Jetzt ist hier Pastor Dächsel aus Schlesien einstweilen, vorher P. Sprondel aus Pommern, derselbe wurde aber nach Bremen an den Dom berufen. Vorher war P. Marx hier, dem die Ausübung des Pastoramtes vom Kirchenkonsistorium genommen wurde. Vor demselben war P. Storch aus Grasdorf bei Derneburg als Vertretung hier, da P. Marx Soldat in Finnland war.

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Totensonntag, 24.11.1946. Am Sonntag, 17.11. hat unsere Kuh Wanda ihr erstes Kälbchen bekommen, nachts ¾ 11 Uhr, alles gut gegangen. Gestern, 23.11., ist Großmama von der Bodenburgerstr. 51, ins Gildehaus Zimmer 4, in die Hauptstraße umgezogen. Sie hat dort Zentralheizung, Warm- und Kaltwasser, Toilette über den Korridor gleich gegenüber.

Heute habe ich in der Kirche Pastor Dächsel gebeten, den Verstorbenen nicht die besten Anzüge, Schuhe usw. anzuziehen, sondern dieselben frierenden Menschen zu geben, in dieser Art an die Lebenden zu denken und somit das Andenken der Toten zu ehren!

 

Lina Preuß

 

 

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