Zu Diverses: 1    Zum Ende dieser Webpage    Zu Diverses: 3
Home    Ahnen    Flucht    Karten    Fluchtwege    Diverses
Home > Diverses > Die Flucht - Dr. Georg Neumann

Die Flucht - Dr. Georg Neumann

Im Spätsommer 1944 stand die Sowjetarmee vor der deutschen Ostgrenze in Ostpreußen. An einigen Stellen hatte sie sie sogar überschritten, war aber nach kurzer Zeit wieder zurückgeworfen worden. Die Massaker, die die Sowjets dort an der deutschen Bevölkerung begangen haben (beispielsweise in Nemmersdorf), sind von mehreren Autoren ausführlich geschildert worden.
Vgl.: Frank Grube und Gerhard Richter,
        Flucht und Vertreibung — Deutschland zwischen
       1944 und 1947, Verlag Hoffmann und Campe 1981,
       S.133 ff.

Von diesen Vorgängen hatten weder die deutsche Bevölkerung noch wir im Schipplager das Geringste erfahren. Den Ernst der Lage muß ich wohl erkannt haben, als ich einmal zu Hause auf Urlaub war und dort die Familie meines Onkels Hans Neumann (Vaters Bruder) aus der Nähe von Tilsit auf der Flucht vorfand. Meine Mutter hatte ihnen Unterkunft gegeben. Als ich Ende November aus dem Lager entlassen worden war, waren sie abgereist, vermutlich mit dem Ziel Kolberg zu Tante Gertrud Groß.

Weihnachten 1944 feierten wir bei Familie Preuß in Kranthau, Kreis Mohrungen.

Am 12. Januar 1945 begann die sowjetische Offensive in Polen, und am 13. Januar 1945 begann der Angriff auf das nordöstliche Ostpreußen. Einzelheiten findet man bei:
       Gustav Fieguth, Marienburg 1945,
       Schild-Verlag 1985, S.59 ff.

Am Freitag, den 19.01.1945 etwa gegen Mittag besuchte uns Onkel Bruno Mattem, Mutters jüngster Bruder, in Marienburg, Westpreußen. Er war zu dieser Zeit in Potsdam stationiert und bildete Soldaten aus. Den Rest seines Weihnachtsurlaubs hatte er genutzt, um seine Mutter und seine Schwester, meine Tante Lina, in Kranthau zu besuchen. Nun befand er sich auf der Rückreise nach Potsdam, die er in Marienburg unterbrach. Onkel Bruno fühlte sich nicht wohl und hatte sich zum Mittagschlaf im Wohnzimmer auf das Sofa gelegt. Währenddessen hatte einer unserer Kunden, ein Lokomotivführer, meiner Mutter von der kritischen Lage an der Front im südlichen Ostpreußen berichtet, woher er gerade mit einem Zug gekommen war. Meine Mutter gab die Information an Onkel Bruno weiter. Er hörte sich die nächsten Rundfunknachrichten an und entschloß sich, nicht nach Potsdam, sondern nach Kranthau zurück zu fahren und die sofortige Flucht zu organisieren. Wegen seines unsicheren Gesundheitszustandes bat er um meine Begleitung. Am Abend fuhren Onkel Bruno und ich mit einem fahrplanmäßigen Zug (laut Kursbuchnachdruck von 1941 könnte es 19:45 Uhr gewesen sein) nach Horn und gingen durch tiefen Schnee nach Kranthau. Der Zug war mit Militär überfüllt und fuhr vollständig verdunkelt.

Am Sonnabend, den 20.01.1945 früh morgens ließ sich Onkel Bruno ein Pferd geben und ritt nach Reichau. Sie beluden einen Wagen und kamen damit nach Kranthau. Wann Tante Emma Weiß (eine von Mutters Schwestern) mit ihren Kindern Charlotte und Regina eintrafen, habe ich vergessen, es könnte noch am selben Abend gewesen sein. Im Laufe des Tages wurde auch in Kranthau ein Pferdewagen zur Flucht vorbereitet. Auch Flüchtlinge aus dem östlichen Ostpreußen, die bei Preußens einquartiert waren, bereiteten sich zur Weiterfahrt vor. Während des ganzen Tages hörte man ununterbrochen das ferne, dumpfe Dröhnen der Front.

Am Sonntag, den 21.01.1945 etwa gegen 10 Uhr fuhr unser Treck von Kranthau ab, und zwar zunächst nach Mohrungen. Ziel war, Familie Gehrmann aus Löpen abzuholen und nach Marienburg weiterzufahren. Die Absicht, den direkten Weg über Maldeuten einzuschlagen, mußte wegen der sehr glatten und überfüllten Straße aufgegeben werden. Stattdessen fuhren wir in nördlicher Richtung nach Hagenau. Da die Straße kaum benutzt worden war, war das Fahren im tiefen Schnee schwer und ging sehr langsam. Wir erreichten Hagenau gegen Abend. Onkel Bruno rief in Löpen an und berichtete.
An diesem Tage gingen in Marienburg Hitlerjugend-Führer von Haus zu Haus, um männliche Jugendliche zu sammeln. Es hieß, sie sollten zum Schneeräumen in den Befestigungsanlagen vor der Stadt eingesetzt werden. Meine Mutter bereitete ihre eigene Flucht vor, indem sie Stückgut mit Betten, Kleidung und Silber für den Bahntransport vorbereitete. Ein Bekannter brachte es für sie zur gegenüberliegenden Güterabfertigung. Einiges davon erreichte tatsächlich den Westen. Tante Gertrud Groß (Vaters Schwester) schickte es 1946 oder 1947 von Hamburg nach Bad Salzdetfurth.

Am Montag, den 22.01.1945 früh morgens fuhren wir in Richtung Buchwalde weiter. Unterwegs begegnete uns Mutters Schwester, Tante Gertrud Pelz, die uns zu Fuß aus Löpen entgegenkam. (Sie wohnte in der 1. Etage bei meinen Eltern in Marienburg). Meine Mutter hatte sie gebeten, mich aus dem Treck herauszuholen. Nun begleitete sie uns nach Löpen, wo wir mittags ankamen. Etwa zu dieser Zeit verließ meine Mutter Marienburg mit der Bahn in Richtung Dirschau.

Noch vor Einbruch der Dunkelheit gingen Tante Gertrud und ich zum Bahnhof Pollwitten. Es kann sein, daß uns Onkel Richard das erste Stück des Weges mit einem Wagen fuhr. Am Bahnhof stand ein nicht fahrplanmäßiger Zug abfahrbereit. Er bestand aus Waggons, die wohl zu einem Hilfs- oder Bauzug gehört hatten und war mit Flüchtlingen aus dem Raum Osterode gut besetzt, aber nicht überfüllt; sie hatten nur wenig Gepäck bei sich. Im Zug herrschte die Außentemperatur von vielleicht — 10°C. Es mag etwa 20 Uhr gewesen sein, da erreichte der Zug Miswalde. Dort hieß es, die Strecke nach Marienburg sei überfüllt, und wir müßten nach Elbing umgeleitet werden. Etwa gegen 23 Uhr erreichten wir den Bahnhof Eschenhorst, etwa 8 km vor Elbing. Auf dem Nachbargleis stand dort bereits ein Zug, der aus offenen Plattenwagen bestand. Sie waren stark verschneit, aber voll besetzt mit Flüchtlingen, hauptsächlich schienen es Frauen und Kinder zu sein. Gepäck hatten sie kaum. In unserem Wagen sprach man davon, daß dort bereits tote Kinder, vermutlich erfroren, vom Zug geworfen seien. Tante Gertrud hatte eine Flasche Schnaps mitgenommen, aus der wir abwechselnd einen Schluck tranken. Das ließ die Kälte und die Zustände um uns herum weniger empfinden.

Während man auf die Weiterfahrt nach Elbing wartete, war es Dienstag, der 23.01.1945 geworden. Gegen 2 Uhr schließlich erkundigten wir uns im Stationsgebäude nach den Gründen des Aufenthaltes. Es hieß, der Bahnhof Elbing sei verstopft, und die Weiterfahrt sei ungewiß. Außerdem wußte man, daß die sowjetische Panzerspitze bereits gegen 23 Uhr Miswalde erreicht habe. Diese Mitteilungen veranlaßten uns, sofort Eschenhorst zu verlassen um zu Fuß den Bahnhof Grunau an der Strecke Elbing — Marienburg zu erreichen.

Unterwegs begegnete uns niemand; nur ein pausenloses Dröhnen lag in der Luft. Gegen Morgen erreichten wir Grunau. Am Wege lag ein größerer Bauernhof, wo wir uns nach dem Weg zum Bahnhof erkundigen wollten, und wir hofften auf eine Mitfahrgelegenheit. Wir fanden eine Militärdienststelle vor, wo man kurz zuvor die Nachricht erhalten hatte, Miswalde sei von den Sowjets eingenommen worden. Man gab uns Essen und Trinken und wies uns den Weg zum Bahnhof. Transportmittel gab es keine. Am Bahnhof erklärte man uns, es gebe wenig Aussicht auf einen Zug nach Marienburg. Ein kurzer Kohlen-Zug stand zwar unter Dampf, hatte aber keinen Fahrbefehl. So gingen wir mit Sonnenaufgang zur Straße Elbing — Marienburg, etwa 2,5 km entfernt.

Die Straße war mit Trecks und Militärkolonnen überfüllt. Die Kolonnen bewegten sich nebeneinander her, von Zeit zu Zeit gab es eine Stockung. Bei einer solchen Gelegenheit gelang es uns, von einem LKW der militärischen Baugruppe „Organisation Todt" mitgenommen zu werden. Der Wagen transportierte eine Büroeinrichtung (!), und man erlaubte uns, oben auf der Möbelladung zu sitzen. So kamen wir durchgefroren gegen Mittag in Marienburg an; man setzte uns vor der Haustür ab. Von Nachbarn erfuhren wir von Muttis Flucht am Tage vorher.

Etwa zu dieser Zeit müßte der Treck PreußfWeiß/Gehrmann im Raum Reichenbach Kämpfe gehört und Umweg nach Norden über Markushof beschlossen haben.

In etwa 2 Stunden wechselten wir Kleidung und schnürten Bündel, die auf meinen Rodelschlitten paßten. Da Mittagszeit war, wurde Stadtgas geliefert, so daß wir auch warm essen konnten. Dann gingen wir durch die Stadt in Richtung Nogatbrücken, immer auf der Suche nach einer Gelegenheit zum Mitfahren. Die fanden wir etwa am Kino „Capitol", wo uns die Besatzung eines Militär-LKW aufnahm. Sie war dazu bereit, weil wir nur leichtes Gepäck mit uns führten. In schleppender Fahrt ging es über die Straßenbrücke, aber von Kalthof ab in relativ zügigem Tempo südlich Dirschau vorbei nach Preußisch Stargard, dem Bestimmungsort des Wagens. Es mag etwa 18 Uhr gewesen sein, als wir dort ankamen. Eine Versorgungsorganisation der Partei (NSV, Nationalsozialistische Volkswohlfahrt), die sich jetzt um Flüchtlinge kümmerte, wies uns in eine Seifenfabrik ein, wo man Notunterkünfte mit Strohschütten eingerichtet hatte. Die mindestens zwei Etagen der Gebäude waren mit Menschen überfüllt.

Etwa um diese Zeit hatte die Sowjetarmee Elbing erreicht. Der Treck Preuß/Weiß/Gehrmann befand sich schon westlich des Drausensee und erreichte noch in der Nacht etwa um 3 Uhr Marienburg; Notiz auf einer Postkarte von Tante Emma Weiß.

Am Morgen des Mittwoch, den 24.01.1945 kam Tante Gertrud zufällig mit Leuten ins Gespräch, die neben uns lagerten. Dabei erfährt sie, daß in der Nähe eine Frau aus Marienburg untergebracht ist, die ihren Sohn sucht; ich glaube, es war in einer Schule. Einer Eingebung folgend geht sie los und findet Mutter fast auf Anhieb. Mutter hatte das meiste Gepäck in Dirschau auf dem Bahnhof stehen gelassen und nur zwei Handkoffer und eine Tasche gerettet. Ihr wichtigstes Gepäckstück war mein alter Schulranzen, den sie mit Familien- und Geschäftspapieren vollgepackt hatte.

Mit Tagesanbruch verließ der Treck der Verwandten Marienburg über Nogatbrücke, während wir zu Fuß Preußisch Stargard in Richtung Berlin verließen. Eigentlich sollte Kolberg die erste Station sein; warum wir uns anders entschieden hatten, habe ich vergessen.

Auf der Straße herrschte kaum Betrieb, man hatte den Eindruck winterlicher Ruhe. Ich bin sicher, daß weit und breit keine Flüchtlingstrecks zu sehen waren. Diese bewegten sich wohl weiter nördlich durch die Kaschubische Schweiz, das bergige Gebiet südlich von Danzig. Heut weiß man, daß rund 100 km weiter südlich der sowjetische Vormarsch zügig vorankam, so daß man auf dem direkten Wege nach Berlin damit rechnen mußte, mit der kämpfenden Truppe in Berührung zu kommen. Anscheinend hatten wir die Hoffnung, dem zuvor zu kommen.

Ein größeres Fahrzeug der Luftwaffe überholte uns. Die Soldaten hatten Schneidemühl als Ziel und nahmen uns mit. Soweit ich mich erinnern kann, waren wir die einzigen Flüchtlinge im Wagen. Für die gesamte Strecke von etwa 150 km benötigten wir den ganzen Tag, eine Mittagspause bei Konitz eingerechnet. Unterwegs gab es keine Behinderung, aber als wir nach Einbruch der Dunkelheit in die Nähe von Schneidemühl kamen, befanden wir uns plötzlich in der Nähe der Front. Posten hielten uns an und sagten, die sowjetische Panzerspitze sei in der Nähe, und die Panzersperre auf der Straße mußte bereits geschlossen werden. Man wies uns einen Weg durch den Wald, auf dem man sie umfahren konnte. Wieder auf der Straße, erreichten wir nach kurzer Zeit die Stadt. Auf unseren Wunsch brachten uns die Soldaten zum Schneidemühler Bahnhof.

Während wir in einem Fußgängertunnel auf eine Fahrgelegenheit warteten, ertönte eine heftige Detonation, vermutlich eine Sprengung, Das Licht erlosch, und viele Menschen strömten vom Bahnsteig in den Tunnel. Nach einer Weile der Ruhe gab es wieder Licht, und wir drängten uns auf den Bahnsteig hinauf, und wir hatten wieder einmal Glück: Nach kurzer Zeit fuhr ein belegter Lazarettzug ein, dessen Besatzung bereit war, Flüchtlinge mit wenig Gepäck mitzunehmen. Wir gehörten zu den Ersten, die bleiben durften, aber es dauerte noch Stunden, bis der Zug abfuhr; das war so gegen Mitternacht.

Am Abend dieses Tages hatte der sowjetische Vormarsch in Ostpreußen den äußeren Verteidigungsring von Marienburg erreicht. Noch in der Nacht schossen die Sowjets in die Stadt hinein.

Am Donnerstag, den 25.01.1945 etwa gegen 11 Uhr erreichte der Lazarettzug Küstrin. So lange hatte er für die etwa 150 km von Schneidemühl benötigt. Ich habe auf dieser Fahrt die meiste Zeit geschlafen. Wir hatten erfahren, daß der Zug nach Sachsen fahren sollte, und daher mußten wir in Küstrin aussteigen. Nach meinen Aufzeichnungen muß es etwa 12:30 Uhr gewesen sein, als wir Küstrin mit einem fahrplanmäßigen Zug in Richtung Berlin verlassen konnten. Bis Potsdam, unserem endgültigen Ziel dieser Etappe, mußten wir mehrere Male umsteigen, zuletzt in Berlin-Friedrichstraße in die S-Bahn nach Potsdam. Anscheinend funktionierte der Bahnbetrieb reibungslos, was mich sehr beeindruckt hat. Auch die teils organisierte, teils spontane Hilfsbereitschaft von Beamten und Soldaten war bemerkenswert. So kamen wir etwa gegen 18 Uhr in Potsdam an.

Im Laufe dieses Tages drangen die Sowjettruppen in die Außenbezirke von Marienburg ein. Am Nachmittag erschienen die ersten Panzer — über die Eisenbahnanlage hinweg fahrend — an der Elbinger Straße/Ecke Ulmenweg. Es gab überall heftige Abwehrkämpfe. Man kann annehmen, daß zu dieser Zeit die Häuser an der Elbinger Straße wegen ihrer exponierten Randlage Sandhof zerstört worden sind, mit ihnen das Haus meiner Eltern. Wesentlich später dürfte es kaum gewesen sein, denn bereits am nächsten Tage hatte sich die Kampflinie nach Westen zum Stadtpark und in die Innenstadt verschoben. Lediglich das Haus Nr. 526/527 scheint in unserer Nachbarschaft als einziges stehen geblieben zu sein, wie eine Photographie von Waltraud Hilke zeigt, die lange nach Kriegsende dort gemacht worden ist.

Potsdam war zu jener Zeit noch nicht zerstört worden. Daher fand Tante Elly Mattem sofort eine Möglichkeit, uns bei Nachbarn in einer Kellerwohnung in einem Zimmer unterzubringen.
Für Flüchtlinge und Ausgebombte gab es ein gut organisiertes Versorgungssystem. Man gab uns Handkoffer und einige neue Kleidungsstücke; außerdem wies man uns in eine Gemeinschaftsküche, in deren Eßsaal wir drei Mahlzeiten täglich erhielten, ich glaube, es war sogar kostenlos und ohne Lebensmittelmarken.
Oft gab es Fliegeralarm, und ich saß stundenlang an Tante Ellys Radioapparat und hörte mir die amtlichen Luftlagemeldungen an, in denen der Weg der anfliegenden Bombenverbände und ihr vermutetes Ziel beschrieben wurden. Meist wurde Berlin angegriffen, und dann sagte der Sprecher: „Feindtätigkeit über der Reichshauptstadt". Manchmal hörte man die Bombenteppiche niedergehen.

Von Potsdam aus schrieb meine Mutter an meinen Vater, der noch in Zuckau bei Danzig stationiert war. Dadurch wußte er, daß wir die Flucht gesund überstanden hatten. Allerdings konnte er uns nicht sofort antworten, weil dort eine Briefsperre verhängt worden war, wie wir später erfuhren. Er hatte jedoch Briefkontakt mit dem Treck der Verwandten aufnehmen können, die sich vorübergehend in der Nähe von Danzig aufgehalten hatten.

Am Montag, den 29.01.1945 kehrte Onkel Bruno Mattem überraschend nach Potsdam zurück. Er hatte den Treck bis nach Marienburg gebracht und war dort bei einer Militärkontrolle festgehalten worden; so hatte er ihn in der Nacht zum 24.01. verloren. Auf abenteuerliche Weise gelang es ihm, sich nach Potsdam durchzuschlagen. Er befürchtete, daß wir mit der Sowjetarmee in Berührung kommen würden und riet uns, mit Tante Elly weiter nach Westen zu reisen. So schrieb man die Adressen aus unserer Liste und fragte wegen Unterkunft nach. Daraufhin teilte Marlies Schneider aus Bad Salzdetfurth mit, daß sie für uns alle Unterkunft bereit halte. Als wir dann von Onkel Bruno erfuhren, daß er am Donnerstag, den 08.02. an die Front rücken muß, legten wir als Tag unserer Weiterreise den 09.02. fest. Mein Vater hat von dieser Absicht nichts mehr erfahren und wähnte uns weiterhin in Potsdam.

Am Freitag, den 09.02.1945 etwa um 3 Uhr morgens fuhren wir mit der S-Bahn nach Berlin hinein. Unser Zug sollte vom Potsdamer Bahnhof in Berlin abfahren. Da es in den Stunden vorher Luftangriffe gegeben hatte, konnte man nicht ganz sicher sein, ob es klappen würde, und tatsächlich mußten wir auf dem letzten Stück zum Bahnhof durch rauchende Trümmer hindurchgehen. Der Zug fuhr aber planmäßig in den frühen Morgenstunden ab. Unsere Sorge richtete sich nun auf Personenkontrollen durch die NSDAP-Organe, denn aufgrund der geltenden Rechtslage hätte Tante Elly mit Monika den Raum Berlin nicht verlassen dürfen. Es war schon Glücksache, daß sie überhaupt eine Bahnfahrkarte bekommen hatte. Es fand aber keine Kontrolle statt.

Der Zug fuhr über Aschersleben und Halberstadt nach Goslar. Es gab einige Aufenthalte wegen Fliegeralarm, aber wir blieben unbehelligt; man konnte die Bomberverbände in einiger Entfernung vorüber fliegen sehen. Unterwegs empfahl uns ein Schaffner, in Halberstadt auszusteigen und dort auf einen Zug nach Hildesheim zu warten. Er wußte wohl nicht, daß man in jedem Fall über Goslar fahren mußte. So warteten wir von etwa 13 Uhr bis nach 19 Uhr vergeblich auf einen Zug. Inmitten der dichtgedrängten Menschenmenge und der ständigen Gefahr von Luftangriffen ausgesetzt, waren wir sehr unruhig.

Dann endlich konnten wir über Goslar bis Groß-Düngen fahren, wo wir am Sonnabend, den 10.02.1945 gegen 1 Uhr ankamen. Da es um diese Zeit keinen Zug nach Bad Salzdetfurth gab, mußten wir den Rest der Nacht im Wartesaal auf Stühlen und Bänken verbringen. Erst am Vormittag, etwa gegen 9:40 Uhr, kam der nächste Zug. Später haben wir erfahren, daß die Gegend Groß-Düngen/Derneburg schon häufig von Tieffliegern mit Bordwaffen angegriffen worden sei.

Etwa um 10 Uhr erreichten wir Bad Salzdetfurth. Wir hofften, daß es das Ende unserer Flucht sei, was meine Mutter zu der Bemerkung veranlaßte: „Wenn uns schon alles weggenommen worden ist, so hat der Herrgott uns wenigstens in eine schöne Gegend verschlagen".

Marlies Schneider wohnte mit ihren vier Kindern bei ihren Eltern Kienscherf in deren Dienstwohnung neben der alten Schule. Herr Kienscherf war Rektor dieser Schule. Hinter der Turnhalle gab es eine Hausmeisterwohnung, in der ihre Schwester Ehrengard Kühn wohnte. Die hatte etwas Platz und nahm uns auf, bis eigene Wohnungen gefunden waren; ich glaube, mir gab man sogar ein eigenes Zimmer.
Der Empfang war ausgesprochen herzlich, und die Familien taten alles, um uns die Zeit des Eingewöhnens zu erleichtern.

Am nächsten Tag, den 11.02.1945, war Sonntag. Nach dem Mittagessen verließen wir gemeinsam das Haus zu einem Spaziergang. In diesem Augenblick ging eine Gruppe verwundeter Soldaten dort vorbei, von denen einer spontan meine Mutter mit Namen ansprach. Es war der Sohn eines Stammkunden aus Marienburg; leider ist mir sein Name entfallen. Er berichtete, er sei bei der Verteidigung von Marienburg verwundet worden und liege in Bad Salzdetfurth im Lazarett. Sein Einsatzort war in Sandhof in der Umgebung unseres Hauses gewesen, und daher wußte er, daß unser Haus bei den Kämpfen zerstört worden ist.

In den folgenden Tagen bemühte sich Marlies Schneider um Zimmer für uns. Da es in Bad Salzdetfurth nur wenige Ausgebombte aus Hannover und meines Wissens noch keine Flüchtlinge gab, hatte sie bald Erfolg und konnte meine Mutter und mich in einem Zimmer bei Familie Robert Lucke, Bodenburger Straße Nr. 2 unterbringen, während sie für Tante Gertrud Pelz, Tante Elly Mattem und Monika ein Zimmer in der Gärtnerei Stoffregen, Bodenburger Straße Nr. 9 gefunden hatte. So konnten wir wenigstens vorübergehend gemeinsam wirtschaften (z.B. Abendessen). Mittagessen gab es im Restaurant „Kaiserhof" zu günstigen Bedingungen.
Zu dieser Zeit etwa erhielten wir die letzten Briefe von meinem Vater, der noch in der Nähe von Danzig stationiert war. Die Post war von Tante Ellys Nachbarn aus Potsdam an die Adresse von Marlies Schneider nachgeschickt worden. Mit Tante Gertrud Groß, die noch in Kolberg war, konnte man von Bad Salzdetfurth aus noch einen kurzen Briefwechsel führen, dann brach auch diese Verbindung ab.

Auch hier in relativer Sicherheit wirkte die Unruhe des Krieges auf uns ein.
Während sich meine Mutter bemühte, durch Näharbeit für unseren Lebensunterhalt zu sorgen, schickte sie mich zur Mittelschule, der einzigen weiterführenden Schule am Ort. Sie wurde bald nach Detfurth ausgelagert, weil das Gebäude in Bad Salzdetfurth als Kriegslazarett gebraucht wurde. Unser Unterricht wurde fast täglich schon am Vormittag wegen Fliegeralarm abgebrochen und war sinnlos geworden. So hatte ich viel Zeit, Bücher aus der Volksbücherei zu lesen, zu der mir Herr Kienscherf als ihr Leiter kostenlos Zugang verschaffte. In dieser Zeit fallen meine ersten Kontakte mit weiterführender physikalischer Literatur, allerdings in allgemeinverständlicher Form. Herr Kienscherf selbst hatte in ein oder zwei Unterrichtsstunden, die noch im alten Schulgebäude möglich waren, mein Interesse geweckt.

Eines Tages erhielt ich die Aufforderung, mich im Hildesheimer Gymnasium „Andreanum" zur Musterung für den Volkssturm vorzustellen. Der Volkssturm war das letzte Verteidigungsaufgebot vor dem Zusammenbruch. Er bestand im Wesentlichen aus Männern, die bis dahin nicht zum Militärdienst eingezogen worden waren, z.B. wegen Alter, Krankheit, kriegswichtigen Heimateinsatzes o.ä., und männlichen Jugendlichen, die z.T. jünger als 17 Jahre alt waren.

Einige Tage vor dem Musterungstermin wurde Hildesheim bombardiert. Wir erlebten den nächtlichen Angriff im Garten vor einem Splitterschutzbunker.

Am Musterungstag fuhr ich pflichtbewußt, gemeinsam mit einem neuen Bekannten, der auch Flüchtling war, auf geliehenen Fahrrädern nach Hildesheim. Die Innenstadt war ein großes Trümmerfeld, und das Andreanum, mehr am Rande gelegen, war ebenfalls zerstört. Alles war von einer unheimlichen Stille umgeben.

Einige Zeit später erhielten wir einen zweiten Vorstellungstermin im stillgelegten Restaurant „Berghölzchen". Er fand statt und bestand lediglich in einer Registrierung der Anwesenden, aber eingezogen wurden wir nicht mehr.
Etwa gleichzeitig forderte mich die Hitlerjugend auf, an ihren Dienstveranstaltungen teilzunehmen. Das waren jedoch nur einige Sing- und Tanzübungen mit den Mädchen des BDM, mit denen die Soldaten im Lazarett „Jugendherberge" unterhalten wurden. Ein Interesse konnte ich dem nicht abgewinnen.

Ende Februar 1945 gab es noch einmal eine Meldung aus Marienburg. Dort fand seit dem 27.01. ein Stellungskampf statt, der die Sowjetarmee daran hindern sollte, Nogat und Weichsel zu überschreiten. Der Brückenkopf umfaßte das Gebiet um die Burg, die drei Nogatbrücken und den Marktplatz. Dadurch war der Zugang vom Westen her möglich. Ende Februar — das genaue Datum ist anscheinend verlorengegangen — hielt die (nationalsozialistisch gelenkte) — Propaganda-Kompanie der Deutschen Wehrmacht eine feierliche Veranstaltung mit Ritterkreuz-Verleihung in der Marienburg für angebracht. Sie wurde als Rundfunkaufnahme über alle deutschen Sender ausgestrahlt. Zu dieser Sendung rief unser Gastgeber Lucke meine Mutter und mich spontan an den Radioapparat, als sie angekündigt wurde. Ich kann mich jedoch nur dunkel an dumpfen Gesang mit orgelähnlicher Begleitung (Harmonium?) erinnern. Einzelheiten sind mir entfallen, obwohl ich mit meiner Mutter wiederholt darüber gesprochen habe.

Der Brückenkopf Marienburg ist am 09.03.1945 spät abends geräumt worden. Unmittelbar danach wurden die Brücken gesprengt.

Es könnte Anfang März gewesen sein, da kam Tante Edith Wasgindt, Mutters jüngste Schwester mit ihrer Tochter Helga in Bad Salzdetfurth an. Sie war aus Preußisch-Eylau geflohen. Luckes gaben ihr Wohnzimmer an sie ab, und im Hause wurde es allmählich eng, wie im ganzen Ort. Inzwischen hatte sich der Treck Preuß/Weiß/Gehrmann durch Pommern durchgeschlagen und war über die Inseln Wohin und Usedom im Stettiner Haff der Einkesselung durch die Sowjetarmee entkommen.

Etwa Ende März erreichten die Familien Preuß und Weiß Bad Salzdetfurth, während Gehrmanns in der Altmark geblieben waren und in die Sowjetische Besatzungszone gerieten. Preußens kamen im Konfirmandensaal hinter der Kirche unter, während Weißens bei Frau Meyer, Salzpfännerstraße, ein Zimmer fanden. Mir scheint, daß auch in diesen Fällen der Einfluß von Marlies Schneider eine wesentliche Rolle gespielt hat.

Anfang April — es war wohl eine Woche nach Ostern — erreichten amerikanische Truppen Bad Salzdetfurth. Alle Gebäude, in denen verwundete Soldaten lagen, und alle Arztpraxen waren mit Rot-Kreuz-Fahnen gekennzeichnet. Man hatte eine Delegation mit einer weißen Fahne vor die Stadt geschickt, um für eine kampflose Übergabe zu sorgen. Auf dem ersten Panzer sitzend kehrte sie in die Stadt zurück.
Die amerikanische Militärverwaltung verhängte viele Beschränkungen, so daß das öffentliche Leben zu Stillstand kam; unter vielem Anderen gab es keine Verkehrsmittel mehr, die Schulen wurden geschlossen, und nachts herrschte Ausgehverbot.

Am 08.05.1945 wurde der Krieg mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht beendet. Mein Vater ist bei den letzten Kämpfen unverwundet geblieben; er wurde mit seiner Truppe im Raum Danzig gefangen genommen und nach langen, beschwerlichen Märschen in die Gegend von Dnjepropetrowsk in der Ukraine gebracht. Dort mußte er auf dem Holzlagerplatz eines Bleibergwerkes arbeiten.

 

08.04.1994
Dr. Georg Neumann

 

 

Anmerkung zu Dr. Georg Neumanns "Die Flucht:"

Der Bahnhof Pollwitten ist südlich von Löpen und ist auf der "Heimatkarte des Kreises Mohrungen, Teil2" zu sehen. Er ist auf der Bahnlinie von Maldeuten nach Miswalde. Westlich davon ist auf der gleichen Karte der Bahnhof Miswalde zu sehen. Auf der "Heimatkarte des Kreises Mohrungen, Teil1" kann man wieder Miswalde sehen und auch daß von Miswalde 5 Bahnlinien abgehen. Die nach Westen ist die nach Marienburg, die nach Norden die nach Elbing und da ist ganz im Norden der letzte Bahnhof der von Markushof und der nächste ist dann der Bahnhof Eschenhorst, der aber nicht mehr auf dieser Karte ist.

Auf der nun folgenden Karte kann man auch den Bahnhof Markushof erkennen, aber auch nördlich davon den Bahnhof Eschenhorst, wo die Bahnfahrt endete. Nördlich davon kommt dann die Bahnlinie von Miswalde mit der von Marienburg zusammen, kurz vor Elbing, das auch dort dargestellt ist.

Westlich vom Bahnhof Eschenhorst ist der Bahnhof Grunau dargestellt, der auf der Bahnlinie von Elbing nach Marienburg liegt. Und wieder westlich davon ist dann die Straße von Elbing nach Marienburg auf der dann die Flucht von meiner Tante Gertrud und meinem Cousin Georg Neumann per LKW weiter ging.

Nun die Karte "Umgebung von Elbing":

Umgebung von Elbing

 

Weitere Orte, wie Marienburg, Dirschau, Stargard, Konitz, Schneidemhühl, Küstrin, Berlin und Potsdam sind auf der Karte Ostbahn zu finden.

Der Ort Zuckau ist auf der Karte Ostsee-Küste Kolberg - Danzig zu sehen, westlich von Danzig.

 

 

Zu Diverses: 1    Zum Anfang dieser Webpage    Zu Diverses: 3
Home    Ahnen    Flucht    Karten    Fluchtwege    Diverses
Home > Diverses > Die Flucht - Dr. Georg Neumann