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Die Altstadt von Bad Salzdetfurth

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Inhalt
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Öst Stu Gil Lam Mey Sch

Meine Cousine Helga Wasgindt schickte mir Bilder und schrieb dazu: "Irene und ich sind der Meinung, daß Ihr in dem gekennzeichneten Haus links der Kirche gewohnt habt - Rudi und Monika sind der Ansicht, daß es ein Gebäude rechts der Kirche war. Was meinst Du dazu?"

Der Anhang ihrer Email zeigt als erstes ein Bild, das 1949 bei Bad Salzdetfurth entstand und zwar auf einem Feld, das mein Vater gepachtet hatte und das war im "Rohden", das war so etwa nördlich von der Stadt, kurz vorm Hexenhäuschen, und die Pferde sind, von links, der Waldmeister - ein Sohn der Lora, die Lady und die Lora.

Das zweite Bild zeigt die Altstadt von Bad Salzdetfurth.

Jetzt folgt eine Liste der Häuser in Bad Salzetfurth, wie sie auf dem zweiten Bild, "Hauptstr.", gezeigt sind. Es geht von links nach rechts. Die ersten sieben Häuser sind die untersten sieben, also die nördlichsten, der Oberstraße, dann kommt die Kirche, und dann kommen die obersten, also die südlichsten, der Marktstraße. Alle Häuser sind auf der Westseite der Straße. Die Lamme fließt in Richtung Kamera, nach Norden, die Kamera blickt in Richtung Süden.

Doch zuerst das Bild selbst von der Altstadt von Bad Salzdetfurth, das mir Helga zugeschickt hat:

Hauptstr

H

32 ?
33 ?
34 ?Ölkers? (gelber Pfeil)
35 ?Ossenkopp?
36 ?Heinrich Henke?
37 Friseur Helbig
38 Pfarrhaus
39 Kirche
40 Ratskeller
41 Römhild
42 Völlner
43 Kleintje
44 Henke
45 Buchdruckerei Giesecke

H    Eins der ersten beiden Häuser könnte das von Herrn Philips sein. Herr Philips hatte ein Fuhrunternehmen. Er fuhr Langholz aus dem Wald zum Sägewerk. Sein Schwiegersohn arbeitete im Geschäft. Seine Tochter ging glaube ich mit mir zur Schule. Sie arbeitete später im Rathaus, ich glaube als Sekretärin von Stadtdirektor Carl. Ich habe Herrn Philips einmal gesehen, wie er die langen Baumstämme von seinem Pferdewagen ablud. Er brachte sie zum rollen, so daß sie dann vom Wagen runter rollten. Er hatte seinen Arm um einen Baumstamm gelegt und brachte ihn somit zum rollen. Der Ärmel seiner Jacke verfing sich aber im Stamm und schleuderte ihn in die Luft und dann auf den Boden. Zu meiner großen Erleichterung stand der Mann auf und arbeitete weiter.

H    Das dritte Haus, das mit dem gelben Pfeil, könnte das vom Herrn Ölkers sein. Meine Mutter beschreibt, am 23.05.1945, Herrn Ölkers Geschäft als eine Fuhrhalterei. Der hatte auch eine Kohlenhandlung und fuhr mit seinen zwei Pferden auch Kohlen aus. Und eins davon war ein schwarzer Hengst und wenn der in die Nähe des Fahrzeugs meines Vaters kam, und die Lora sah, dann wieherte er laut und bäumte sich auf. Der Herr Ölkers hatte einen Schwiegersohn, der hieß glaube ich Friedel Nordhorn oder so, und der fuhr den Krankenwagen.

H    Das vierte Haus könnte das Haus vom Bauern Ossenkopp gewesen sein. Der sammelte mit einem Pferdewagen die Milchkannen der Bauern morgens ein und fuhr sie in die Molkerei nach Groß Düngen.

H    Das fünfte Haus, das einzige dreistöckige, könnte das vom Bauern Heinrich Henke gewesen sein. Die Erdgeschosse waren so eine Art Hochparterre, weil die Keller ziemlich aus dem Boden ragten, wegen des hohen Grundwassers, wegen der Lamme. Der Heinrich Henke war erster Gildeherr, also der Salzpfännergilde. Bei ihm wohnte, glaube ich, eine Zeit lang, Gertrud Janowski, geborene Mattern, und Walter Janowski. Die erste Wohnung meiner Tante Gertrud Pelz, wie sie damals hieß, war in der Gärtnerei Stoffregen, Bodenburger Straße Nr. 9.

Die Salzpfänner produzierten allerdings kein Salz mehr, brauchten aber dazu viel Holz und damit Wald und den Wald und etliche Grundstücke hatten sie aber immer noch und waren deshalb weiter einflußreiche Bürger der Stadt. Ich glaube die folgenden Männer waren erste Gildeherren: Heinrich Henke, Heinrich Stoffregen, Karl Grumbrecht, Klaus-Peter Stoffregen.

Einer dieser Bauern, vielleicht war es Herr Ölkers, ich nehme an, daß er auch noch Landwirtschaft betrieb, hatte eine Hochzeitskutsche, mit der etliche Personen reisen konnte. Mein Vater hat sich die ausgeborgt und wir, vielleicht die ganze Familie oder sogar andere Verwandte, sind damit nach Wrisbergholzen oder nach Almstedt gefahren und haben die Familie meines Onkels Bruno Mattern besucht.

H    Das sechste Haus war das von Herrn Helbig, der war Friseur und hatte dort einen Friseurladen in dem Haus. Ich bin dort drin zum Haareschneiden gewesen.

H    Das siebte Haus war das Pfarrhaus. Dort wohnte der Pastor Kühirt, wohl später. Ich glaube, damals war der Eingang zum Pfarrhaus auf der Nordseite des Hauses, also in der Bahnhofsstraße, gegenüber der Kirche. Später scheint das mittlere von den fünf Fenstern im Erdgeschoß, zur Hauptstraße hin, zu einem Eingang umgebaut worden zu sein.

Zwischen dem Pfarrhaus und der Kirche geht nach Westen die Bahnhofsstraße zum Bahnhof ab. In der Verlängerung der Bahnhofsstraße nach Osten ist die Brücke über die Lamme zur Salzpfänner Straße.

H    Dann kommt die Kirche. Und hinter der Kirche, nicht auf dem Bild zu sehen, wohnte die Familie Preuß, in der alten Schule. Das Fluchttagebuch meiner Mutter erwähnt dies am 26.04.1945. Das war unsere zweite Wohnung in Bad Salzdetfurth. Die erste war hinter der neuen Schule, viel weiter links auf der Oberstraße. Diese neue Schule wurde dann, viel später, das Rathaus. Ein Raum dieser alten Schule wurde dann später Konfirmandenraum. Das Pfarrhaus war also unser Nachbargebäude, dort wohnte Brigitte Möller mit ihrer Mutter. Es kann sein, daß die Verwandte vom Pastor Marx waren, den das Fluchttagebuch viermal erwähnt. Brigitte war meine Spielkameradin und wir gingen auch später viele Jahre in die gleiche Klasse. Wir spielten auf dem Kirchplatz. Westlich vom Kirchplatz war die alte Schule, wo wir wohnten, östlich war die Kirche, die Rückseite der Kirche, südlich war die Bahnhofsstraße und dann das Grundstück des Pfarrhauses, und nördlich war das Rathaus. Am Rathaus hing ein Kasten und wenn jemand im Kasten hing, dann bedeutete das, daß die beiden, die im Kasten hingen, heiraten wollten und nun konnte man Einspruch erheben, wenn man dagegen war. Ich glaube, ich habe einmal ein russisches Fahrzeug vor dem Rathaus gesehen, das hatte wohl etwas mit der damaligen Militärregierung zu tun. Das nächste Gebäude auf der Bahnhofsstraße, nach der alten Schule, wo wir wohnten, war dann, auch auf der rechten Seite, der Bahnhof.

Zwischen der Kirche und dem Ratskeller läuft ein Bürgersteig von der Marktstraße nach Westen, rechts davon ist zuerst der Ratskeller, dann das Haus wo Rektor Kienscherf wohnte und dann das Rathaus. Die alte Schule war, wie die Kirche, ein frei-stehendes Gebäude und stand süd-westlich vom Rathaus, westlich von der Kirche.

Auf diesem zweiten Bild, das den Titel "Hauptstr." hat, und wo die Kamera wahrscheinlich auf der Lammebrücke am Hotel Kronprinz war, sieht man die Straße, die dann, beginnend rechts von der Kirche, "Am Markt" hieß. Die Oberstraße und dann der Markt und dann die Unterstraße hießen wohl zusammen Adolf-Hitler-Straße und danach Hauptstraße, und vielleicht auch davor.

H    Das erste Haus dort, also rechts von der Kirche, war der Ratskeller, also eine Gastwirtschaft. In der Gastwirtschaft bin ich mehrere Male gewesen. Das Fluchttagebuch berichtet davon. Hinter dem Ratskeller war das Haus, wo der Rektor Kienscherf mit seiner Frau wohnte, und auch seine Tochter Marlies Schneider mit ihren vier Kindern. Dahinter war dann das Rathaus, also unser Nachbargebäude. Dieses Gebäude wurde dann wohl das Polizeigebäude, viel später. All diese Gebäude hinter dem Ratskeller sind nicht auf dem Bild zu sehen.

H    Das zweite Gebäude, also neben dem Ratskeller, war der Kaufmannsladen Römhild. Dort hat Ellinor, vor dem Laden, Eis verkauft, eine Kugel in der Tüte für wohl 10 Pfennig. Ich bin dort oft drin gewesen. Das war wohl die Marktstraße 41. Ich glaube der Sohn von Römhilds hat dann eine Lehre als Elektriker gemacht, bei einem Elektrogeschäft am südlichen Ende der Salzpfännerstraße.

H    Das dritte Haus war der Bauer Völlner. Es kann sein, daß da verwandtschaftliche Beziehungen zur Familie Meyer gegenüber in der Salzpfännerstraße bestanden.

H    Das vierte Haus gehörte der Frau Kleintje. Die hatte zwei Söhne. Der ältere, Heins-Willi, arbeite beim Bauern Ölkers in seiner Kohlenhandlung und saß oben auf dem Pferdefuhrwerk mit den Kohlesäcken und trug dann die Kohlensäcke den Leuten in die Keller. Der jüngere, Klaus Kleintje, 5.12.1942-7.6.2018, war etwas jünger als ich. Dort wohnte auch die Familie Giesert. Der ältere Sohn, Dieter, war etwas älter als ich, der jüngere, Klaus Giesert, etwas jünger. Der Vater war Beamter im Rathaus. Mit Dieter Giesert ging ich etliche Jahre zusammen zur Schule in die gleiche Klasse. Gieserts zogen dann in eine Neubauwohnung in die Horststraße und später nach Köln und ich hatte auch dort noch Kontakt mit ihm, auch noch als er nach Süddeutschland zog. In dem Haus der Frau Kleintje wohnte auch eine alte Dame, sie wurde Puppengesche genannt. Von unserem Kinderschlafzimmer konnten wir Einblick in den Hof der Frau Kleintje nehmen und beobachten, was dort passierte. Die Puppengesche hatte die Angewohnheit, wenn sie Wasser aus dem Wasserhahn im Hof holte, sie erst Wasser in ihr Gefäß ließ, und dann dieses Wasser über den Hahn ausgoß, wahrscheinlich um ihn zu säubern. Wir brauchten aber nicht aus dem Fenster zu gucken, um zu wissen, was im Nachbarhof vor sich ging, und zwar dann, wenn ein Junge dort im Hof auf der Toilette saß, und mit lauter fordernder Stimme hoch zur Mutter rief: "Papier!"

H    Das nächste Haus, also das fünfte, gehörte der Frau Henke. Sie wohnte dort mit ihren zwei erwachsenen Töchtern. Das Fluchttagebuch schreibt am Sonntag, 10.11.1946: "Am 20. Juli 1946 sind wir hier zu Henkes in die Hauptstraße 44 gezogen." Ich habe dieses Gebäude als "Am Markt 44" in Erinnerung. Mein Vater hatte den landwirtschaftlichen Betrieb von Henkes gepachtet, das oben im „Rohden“ erwähnte Feld gehörte dazu. Wir wohnten im Erdgeschoß und hatten auch ein Zimmer im ersten Obergschoß, über der Diele, nach hinten raus. Die Diele, die vorne das große Tor hat, war vielleicht der Ort, wo die Salzpfänner ihre Solepfanne aufgehängt hatten, mit Feuer drunter, und das Wasser verdampfen ließen, bis das Salz übrig blieb. Und die Pfanne hing am Haken, und dieser Haken ist das Wappenzeichen der Stadt. Vielleicht hat man auch die Sole woanders gekocht und die Diele war nur dazu da, einem hochbeladenen Wagen Zugang zur Scheune zu geben. Die Räume und die Diele hatten eine Breite von nicht viel mehr als je 3 Metern. Die Grundstücksbreite war also nicht viel mehr als 6 Meter.

Man hat also ein so enges Grundstück im wertvollen Herzen einer Stadt so geschickt bebaut, daß man auf dem Grundstück ein Gewerbe betreiben konnte oder einen landwirtschaftlichen Betrieb, oder sogar beides zur gleichen Zeit.

Das Zimmer im ersten Obergschoß war das Schlafzimmer von uns Kindern. Im ersten Obergschoß wohnten Henkes. Dann wohnte dort noch, weiter oben, eine Familie Zilinski und eine mit dem Namen Reflinghaus, oder so. Teil des großen Hoftors war eine Eingangstür. Ich stand einmal vor dieser Tür und hörte galoppierende Pferde aus der Richtung Hotel Kronprinz und sah dann unsere zwei oder drei Pferde auf mich zu galoppieren. Ich öffnete die Tür, trat zu Seite, und die Pferde galoppierten an mir vorbei in ihren Stall. Die waren wahrscheinlich durch etwas scheu geworden und flüchteten sich nun in ihren Stall. Der Straßenabschnitt vor dem Haus war das Gebiet, das ich regelmäßig zu fegen hatte, mit einem Strauchbesen. Die beiden Fenster rechts neben dem oberen Teil des Dielentors gehörten zu unserem Wohnzimmer, das auch das Schlafzimmer meiner Eltern war. Für uns Kinder waren diese Fenster ein beliebte Ort, das Leben in der Stadt zu beobachten, das recht rege war, da wir praktisch im Zentrum der Stadt lebten. Hinter dem Wohnzimmer, nach hinten raus, zum Hof hin, war die Küche, dahinter, ein paar Stufen hoch, rechts, eine schmale Speisekammer. Der erste Teil der Küche war schmaler, da links, zwischen der Küche und der Diele, die Treppe nach oben war. Wir hatten Elektrizität und in der Küche fließendes Wasser aus einem Wasserhahn und darunter einen Ausguß mit Schmutzwasserabflußleitung darunter. Ein Badezimmer gab es nicht. Auf dem Hof gab es die Toilette, mit Windspülung, darunter eine Jauchegrube. Der Hof war links, als Verlängerung der Diele, und rechts waren die Nebengebäude, hauptsächlich Stallungen. Am Ende war die Scheune, die wieder über die ganze Breite des Grundstückes ging und in die man mit einem Fuhrwerk rein fahren konnte. Die Scheune hatte mehrere Stockwerke. Dort die Ernte einzubringen, erforderte den Aufwand der ganzen Familie. Auf jedem Stockwerk stand ein Familienmitglied und reichte die Garben mit einer Forke weiter nach oben. Die Böden bestanden aus Brettern, die aber recht große Abstände voneinander hatten. Eine senkrechte Leiter gab Zugang zu den Böden. Da bin ich oft hoch, um Futter für die Tiere runterzuwerfen. Dahinter war dann der Garten, den Henkes bewirtschafteten, und links ein schmaler Weg zum schwarzen Weg und am Ende ein Zaun mit einem kleinen Tor, durch das wir es mit unseren Schafen und Ziegen nicht weit bis in den Wald hatten, der oft unser Aufenthaltsort war. Wir hatten einen Garten östlich der Detfurther Allee, östlich der Lamme, also zwischen der Lamme und der Bahn, ein Gebiet das später Teil des Kurparks wurde. Westlich von der Bahn ging ein Weg zur Kläranlage. Auf dem Hof gab es auch einen Wasserhahn, von dem trug ich, in einem großen Eimer, Wasser zu den Pferden. Der Hof diente auch als Misthaufen. Der Mist und die Jauche mußten abgefahren werden. Ich nehme an, daß das Abwasser von dem Ausguß nicht in die Jauchegrube geleitet wurde, sondern daß es bereits ein öffentliches Abwasserkanalnetz gab, denn am untersten Ende der Stadt, also ganz im Norden, gab es eine Kläranlage. Ich nehme an, daß das Wasserleitungsnetz zusammen mit dem Abwasserleitungsnetz gebaut wurde.

H    Das nächste Haus, also das sechste, gehörte Arnold Giesecke. Es ist das letzte Haus, das noch gut auf dem Bild zu sehen ist. Er betrieb eine Druckerei. Die Druckerei war hinter dem Haus. Dort bin ich oft drin gewesen, mit seinem Sohn Horst Giesecke, der etwas jünger war als ich, und der mein Spielkamerad war. Der Horst hat mir gezeigt, wie einige Maschinen dort funktionieren. Die erste Maschine links war die Heidelberger. Dann gab es andere Druckmaschinen, eine für Plakate, Setzkästen mit den Buchstaben, eine große Schneidemaschine für das Papier, die der Host bediente, um für uns aus den darunter liegenden Abfällen, kleine Notizblöcke anzufertigen, und eine Heftmaschine. Arnold Gieseckes Vater lebte dort auch, im Erdgeschoß, und arbeitete manchmal noch in der Druckerei. Er saß oft am Fenster zur Straße hin und sein Sessel stand auf einem kleinen Podest, damit er gut auf die Straße sehen konnte. Arnold Gieseckes älterer Sohn arbeitete auch in der Druckerei, und wohnte auch in dem Haus, ganz oben, mit seiner Familie. Der Herr Arnold Giesecke ging Sonntags mit dem Mann von der Leihbücherei, gegenüber in der Salzpfänner Straße, zum Fußball. Das geschah im Anzug mit Krawatte und Mantel und Hut. Ein Ereignis mit ihm war folgendes: Horst und ich waren auf der Straße, mit einem mal kam Herr Giesecke aus dem Haus. Horst ging zu ihm hin und bat um Geld für ein Eis. Er steckte die Hand in die Hosentasche, holte sein Portemonnaie heraus und gab Horst 10 Pfennig, und dann gab er auch mir 10 Pfennig. So was vergißt man nicht. Zwischen dem Haus und der Druckerei war ein Hof und dieser Hof war unser Hauptspielplatz. Hinter der Druckerei war dann ein Garten und dann kam, hinter dem Ende des Grundstücks, der schwarze Weg und dann der Mühlengraben, beide in Süd-Nord-Richtung verlaufend, und das westliche Ufer des Mühlengrabens war dann auch schon das Ende des Lammetales und die bewaldeten Berge fingen an, wohl gleich nach der Bahn. Ich glaube der Sohn von Arnold Giesecke hatte schon einen Sohn. Da lebten also vier Generationen zusammen. Horst war nicht viel älter als sein Neffe.

Die Häuser waren also so, daß mehrere Generationen einer Familien dort wohnen konnten und jede Generation auf ihrem eigenen Stockwerk.

^    Eins der nächsten Häuser war dann das des Bauern Östern, der auch Kirchenvorsteher war. Dann kam glaube ich der Mühlengraben, der hinter dem Markt, also westlich vom Markt, floß, dann aber nach Osten in Richtung Lamme abbog, die Straße unterquerte und dann zurück in die Lamme floß. Der Einfluß des Mühlengrabens in die Lamme ist auf dem zweiten Bild rechts unten zu sehen, als Öffnung in der senkrechten Uferwand. Die Unterquerung der Straße war wohl ein Gewölbe. Die Regenwassereinläufe kann man auch sehen. Das Gefälle des Mühlengrabens war insgesamt das gleiche, wie das der Lamme, nur zum größten Teil viel geringer, aber an der Mühle gab es dann einen Gefällesprung, um die Energie für das Drehen des Mühlenrads zu erzeugen. Die Mühle war aber damals schon außer Betrieb. Weiter im Süden der Stadt gab es eine zweite Mühle, auch eine Wassermühle, dort hat mein Vater mahlen lassen und ich war dabei. Der Müller hieß glaube ich Sandvoß. Er hatte zwei Töchter in meinem Alter. Er ging zur Jagd. Dort wird es dann wohl auch einen Mühlengraben gegeben haben, auch auf dem linken Ufer der Lamme, also westlich der Lamme.

^    Dann gab es, wohl später, den Elektroladen Studtmund, und dann, wohl auch später, die Schlachterei und Gastwirtschaft Liekefett. Und das war dann das Ende der Straße "Am Markt" und dann gab es eine Querstraße, ich glaube es ist die Mühlenstraße, und danach fing die Unterstraße an und eins der ersten Häuser dort war das Gildehaus, wo meine Großmutter wohnte. Und im Gildehaus gab es einen Durchgang nach hinten, zu einem Weg hoch in den Wald, der vor der Brücke über die Bahn vom schwarzen Weg gekreuzt wurde und der unser Zugang zum Wald war. Im Winter war das unsere Rodelbahn, hoch oben von der Welfenhöhe bis runter zum Gildehaus.

Studtmund war die Marktstraße 49. Die Hausnummern bezogen sich wohl auf die Gesamtlänge der Hauptstraße und nicht nur auf die Marktstraße, denn die hatte wohl nur etwa ein Dutzend Häuser. Die Nummerierung fing dann wohl ganz oben in der Oberstraße an, bei der Griesbergstraße, und endete ganz unten an der Unterstraße, am Kurhaus, am Bahnübergang. Die Hausnummern gehen dann wohl bis über 100. Die Namensgebung der Straßen ist wahrscheinlich älter als die Durchnummerierung. Jedem Haus eine Hausnummer zu geben, wurde vielleicht erst mit Napoleon eingeführt. Und dann jeder Wohnung in einem Haus eine Nummer zu geben, ist wohl heute noch in Deutschland nicht üblich. Da hat man also ein Hochhaus, wo hunderte von Familien leben, und keine Wohnung hat eine Nummer und man muß die Einwohner per Namen identifizieren, und in einer Wohnung lebt vielleicht eine Frau, mit ihrer Mutter und mit ihrer Tochter, und alle drei haben verschiedenen Nachnamen und alle diese Namen müssen auf dem Klingelschild aufgeführt werden, und sogar auch die Vornamen, damit man bei gleichen Nachnamen noch unterscheiden kann, und wenn dann ein Besucher endlich den richtigen Namen gefunden hat, dann muß er sich mit der Wechselsprechanlage mit dem Bewohner in Verbindung setzen, und dann aufschreiben, auf welchem Geschoß der wohnt, damit er dann weiß, wo er aus dem Aufzug aussteigen muß, und dann auch, ob er dann links oder rechts gehen muß, und auch die wievielte Wohnung vom Aufzug es ist. Das muß er sich aufschreiben, sonst hat er, bis er oben ankommt, die Einzelheiten vergessen. Dieses deutsche System kann für einen Ausländer unglaublich sein. Für einen Deutschen kann es unglaublich sein, daß wenn er im Ausland ist, und dort eine Überweisung erhält, die Bank im nicht mitteilt, von wem die Überweisung kommt, und für welchen Zweck, Miete zum Beispiel, und für welchen Monat. Und dann hängen die Leute dort den ganzen Tag am Telefon, um herauszufinden, wofür das erhaltene Geld nun eigentlich ist. Unglaublich so ein System.

Diese beiden gerade beschriebenen Systeme sind unglaublich für einen zivilisierten Menschen, doch in Wirklichkeit ist es eigentlich umgekehrt. In einer Stadt, in der Millionen von Menschen leben, und die Tausende von Häusern hat und Hunderte von Straßen, geht der Besucher durch die Straßen, und bleibt bei jedem, den er trifft, stehen, und sagt ihm, wo er hin will, um herauszufinden, ob er noch auf dem rechten Weg ist. Hätte er nun einen Stadtplan, und den Namen des Stadtteils und den Namen der Straße und auch die Hausnummer, würde all dieser menschliche Kontakt wegfallen und ein Leben würde sich entwickeln, wo jeder für sich selbst dahinlebt und sich kaum um den anderen kümmert.

Und mit der Numerierung von Häusern hat man nur den Anfang gemacht. Dann werden die Wohnungen durchnummeriert, und danach dann die Menschen. Und damit hat man ein vollständiges System der Kontrolle. Man kann jeden schön auf dem Computer abrufen, einschließlich seines Wohnplatzes und wenn er sich dann bewegt, macht es die Technik auch möglich, ihn zu lokalisieren - und ihn dann auch zwecks Gesinnungskontrolle mit einer Drohne, ausgerüstet mit Greifklauen, abzuholen.

^    Auf dem Bild "Hauptstr." ist sehr deutlich die Lamme zu sehen und ihre gemauerten senkrechten Uferbefestigungen. In diesen senkrechten Wänden gab es Regenwassereinläufe und wir Jungs benutzten sie, diese Öffnungen, um runter in die Lamme zu klettern. Wir planten auch, mit Flößen dort zu navigieren, aber dabei ist es auch geblieben. Vor der Kirche war eine Brücke über die Lamme. Den Brückenüberbau versuchte man möglichst schlank zu halten und die Öffnung darunter möglichst groß, damit bei Flut möglichst viel Wasser durchlaufen konnte. Überschwemmungen waren normal, ich habe sie miterlebt. Siehe Fluchttagebuch vom 8.02.1946. Wir Kinder liefen dann auf Stelzen auf der Straße herum. Ich glaube wir liefen bei Hochwasser sogar auf Stelzen über die Brücke zur Salzpfännerstraße, zur Bäckerei Stoffregen, uns gegenüber, und haben dort Brot eingekauft. Normalerweise war der Wasserstand der Lamme so, daß nicht das ganze Flußbett mit Wasser bedeckt war. An der Kirche gab es eine Markierung, recht hoch über der Straße, die das höchste Hochwasser der Lamme in der Geschichte der Kirche anzeigte. Ich habe so eine Markierung auch in Bonn am dortigen Münster gesehen, die das des Rheins anzeigte.

Links von der Lamme, also östlich, läuft auch wieder eine Straße am Fluß entlang. Es ist die Salzpfänner Straße. Sie ist auch ganz links auf dem Bild ersichtlich. Direkt uns gegenüber, also gegenüber des Hauses Am Markt 44, war die Querstraße zur Salzpfänner Straße, Im Winkel. Und im Haus an der Ecke, also südlich von der Straße Im Winkel, und an der Ostseite der Salzpfänner Straße, war unten eine Leihbücherei und oben in dem Haus wohnten Bruno Neumann und Ida Neumann und wahrscheinlich auch Georg Neumann. Das war allerdings nicht ihre erste Wohnung in Bad Salzdetfurth. Ihr erste war bei Luckes in der Bodenburger Straße Nr. 2.

Auch Im Winkel, wenige Häuser östlich von dem geraden erwähnten Haus an der Ecke, oder direkt dahinter, also auch auf der Südseite der Straße Im Winkel, war die Feuerwehr. Die war bei diesen eng zusammenstehenden Gebäuden aus Holz und Lehm von besonderer Bedeutung. Ich erinnere mich an ein Feuer, wohl so im Jahre 1948 in der Oberstraße, das in etlichen der Häuser, die auf dem Bild zu sehen sind, oder in deren Stallungen war, große Besorgnis erregte. Wenn die Feuerwehr ein Gerät auf die Straße schob, konnte ich das von unserem Wohnzimmerfenster aus sehen.

^    Und auch in der Salzpfänner Straße, gegenüber vom Bauern Völlner, der Am Markt wohnte, war das Haus von Frau Martha Meyer, die im Fluchtagebuch 10 mal erwähnt wird, wo unsere Pferde von Anfang an standen, siehe Fluchttagebuch 20.05.1945. Im Fluchttagebuch vom 30.03.1945 heißt es: "Emmy bekam eine Wohnung bei Frau Martha Meier." Das war also einen Tag nach unserer Ankunft in Bad Salzdetfurth, die Eintragung, und die Wohnung erhielt sie dann wohl schon am Tag unserer Ankunft. Das war also die erste Wohnung der Familie Weiß in Bad Salzdetfurth. In dem Haus, glaube ich, wohnte auch eine Ehepaar, wo der Mann mit einem Karren die Straßen entlang ging, und die Pferdeäpfel mit Besen und Schaufel einsammelte. Pferde gab es damals reichlich, Autos kaum. Auch gab es Männer, die herumgingen, und Zigarettenkippen vom Bürgersteig einsammelten. Ich ging mit einem Handwagen, vielleicht einmal in der Woche, zu verschiedenen Leuten und habe Kartoffelschalen abgeholt. Ein Mann ging herum, läutete eine recht große Glocke, und rief Bekanntmachungen der Stadtverwaltung aus. Kinder machten ihn nach, und riefen: "Es wird hiermit bekannt gemacht, daß niemand in die Lamme macht." Das Wasser der Lamme war relativ sauber, das des Mühlengrabens war schrecklich, eine undurchsichtige gelbe Soße, die wohl vom Kaliwerk kam. Die Stange, die man über dem Dach der Markstraße 44 sehen kann, könnte der Schornstein des Kaliwerkes sein. Man sah Kriegsverletzte, Männer mit nur einem Beim auf Krücken oder Männer mit nur einem Arm.

Die Familie Weiß ist dann wohl nach Wrisbergholzen umgezogen. Im Fluchttagebuch heißt es am 30.08.1945: "Gestern kam Emma aus Wrisbergholzen zu Besuch." Die Familie Weiß oder die Familie von Onkel Bruno Mattern wird dann wohl zuerst nach Wrisbergholzen gezogen sein, und die andere dann nachgefolgt. Wrisbergholzen wird am 07.08. 1945 zum ersten mal genannt, der Umzug wird dann wohl davor gewesen sein. Wahrscheinlich nach dem 22.06.1945, nach der Ankunft meines Vaters, denn an dem Tag war Bruno und die Familie Weiß wohl noch in Bad Salzdetfurth. Danach hat dann wohl Onkel Bruno wieder seine Tätigkeit als Gärtner, in Wrisbergholzen, aufgenommnen.

Die Bilder von der Hauptstraße und der Salzpfänner Straße erzählen also die Geschichte fast aller sechs Töchter meiner Großmutter zu Beginn des Aufenthaltes in Bad Salzdetfurth und vielleicht habe ich noch einige Einzelheiten vergessen.

Auch die Familie Gehrmann hatte mit der Altstadt von Bad Salzdetfurth Verbindung. In einem Brief an mich schreibt Waltraud Hilke, geborene Gehrmann, am 28. Juli 2005: "Grossmama kam in Salzdetfurth oftmals über die Lammebrücke in die Salzpfännerstraße, in der wir damals lebten, in der Hand ihren Gehstock mit dem silbernen Mohrenkopf, der Stock ist bei Georg Neumann vorhanden gewesen, wer ihn nun hat, weiß ich nicht."

Und jetzt noch ein Zitat von Waltraud:

Die Hochzeit wird am 20.04.1948 gefeiert, wie wir es schon mit meiner Mutter besprochen hatten. Die Gäste bringen den Kuchen mit, Lebensmittel gibt es auf Karten - noch lange müssen wir Fleischmarken ans Hotel liefern. Die Kleider sind geliehen, aber Schuhe und Unterzeug gehören uns. Eine kleine hölzerne Kiste enthält meine Aussteuer.

Der Leiter des Wohnungsamtes steht vor der Kirchentür, als wir nach der Trauung aus der St. Georgskirche kommen und gatuliert und weist uns ein Zimmer bei einem Ehepaar zu. Es sind Oelkers, Dora und August, ihr einziger Sohn ist gefallen. Wir bekommen von ihnen eine kleine Wohnküche und ein Schlafzimmer im Dachgeschoß ihres Hauses in der Salzpfännerstraße.

Und auch die Familie Wasgindt hatte etwas Verbindung dort. Ich kann mich an einen Besuch von Helga Wasgindt bei uns in der Marktstraße 44 erinnern. Sie hat dort bei uns übernachtet und ich ging mit ihr zu Neumanns, die damals bei Luckes in der Bodenburger Straße Nr. 2 wohnten, und als wir den Kolonieberg hoch gingen, fragte sie mich, ob es noch weit ist, bis zu Neumanns. Georg Neumann schreibt, auf der Webpage http://www.frankpreuss2.com/de5/de502.html, "Es könnte Anfang März gewesen sein, da kam Tante Edith Wasgindt, Mutters jüngste Schwester mit ihrer Tochter Helga in Bad Salzdetfurth an. Sie war aus Preußisch-Eylau geflohen. Luckes gaben ihr Wohnzimmer an sie ab, und im Hause wurde es allmählich eng, wie im ganzen Ort." Helga hatte also bei Luckes gewohnt, also da, wo auch Neumanns wohnten. Helga war am 11.11.1942 geboren und war somit im März 1945 erst etwas mehr als 2 Jahre alt und hatte wohl kaum mehr Erinnerungen an den damaligen Wohnort, und fragte mich deshalb, ob es noch weit ist, bis zu Neumanns. Helga war auch bei uns in der alten Schule. Meine Mutter schreibt am 9.10.1945: "Onkel Karl Wasgindt hat seine Frau Edith auf Luise Kalff's Karte hin gefunden. Karl kam nach Bad Salzdetfurth und nahm Edith und Tochter Helga auf einen Bauernhof von 60 Morgen bei Göttingen mit." Aber am 01.02.1946 kam Helga, von bei Göttingen angereist, in die alte Schule, um den Geburtstag ihrer Großmutter mit zu feiern, die damals wohl bei uns in der alten Schule gewohnt hat. Meine Mutter schreibt, daß Wasgindts früh morgens bei uns ankamen und das war vielleicht, weil sich das so aus der Zugverbindung ergab. Das war vielleicht der Morgenzug, der dann in Richtung Hildesheim weiterfuhr.

Die Altstadt von Bad Salzdetfurth, die alte Schule, war also, besonders am 1.2.1946, dem Geburtstag meiner Großmutter, der Treffpunkt der ganzen Verwandtschaft.

^    So etwa gegenüber dem Bauern Ölkers in der Oberstraße, also in der Salzpfänner Straße, wohnte die Familie Schirm. Herr Schirm und Frau Schirm arbeiteten für die Familie Peters, die das Hotel Kaiserhof betrieben und auch den Kursaal. Ihr Sohn Henry Schirm, 25.2.1939-14.3.2016, war mein Spielkamerad und er und ich fingen gemeinsam als ABC-Schützen an, 1946, und gingen gemeinsam zur Schule. Aber das ging nicht am Anfang so glatt, da das Spielen noch Vorrang hatte. Hinter diesen Häusern in der Salzpfänner Straße gab es einen Garten, der dann aber recht bald sehr stark anstieg, weil dort das Lammetal zu Ende war.

Am Dienstag, 29.05.1945 kam mein Onkel Bruno Mattern in Bad Salzdetfurth an. Am Freitag, 1.06.1945 heißt es im Fluchttagebuch: "Onkelchen übernahm meine beiden Pferde, um erstmals Fuhrhalterei und Lohnfahrten zu machen, hauptsächlich Holz aus dem Wald holen." Für Onkel Bruno Mattern war also die Altstadt von Bad Salzdetfurth insofern auch von Bedeutung, weil die alte Schule hinter der Kirche, wo wir wohnten, der Ort seiner ersten Tätigkeit war.

In diesem Fuhrgeschäft war die Küche meiner Mutter die Zentrale. Dort gingen die Anfragen für Fuhren ein. Und meine Mutter sagte mir dann, wo ich meinen Vater finden würde und schickte mich dann los zu ihm. Und mein Vater hörte sich die neue Bestellung an und betrieb dann Logistik in seinem Kopf und sagte mir dann danach, wann er diese Fuhre machen würde. Mit dieser Information ging ich dann zu meiner Mutter zurück und dann kam der Kunde zurück zu meiner Mutter und erhielt von ihr den Termin und konnte sich entsprechend vorbereiten, auf einen Umzug zum Beispiel. Mein Vater hatte einen großen Plattenwagen mit der großen Aufschrift hinten: "Walter Preuß – Fuhrgeschäft." Und dieser Rollwagen stand meistens auf der Marktstraße, vor der Marktstraße 44 oder auf dem Platz vor dem Hotel Kronprinz.

So das ist was ich zu dem Bild meine. Was meint denn nun die Helga zu dem, was ich meine?

 

 

 

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