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Inhalt von Luise Kalffs Flucht-Geschichte:
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Anmerkungen zu Luise Kalffs Flucht-Geschichte.

 

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Luise Kalffs Flucht-Geschichte

 

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Unsere Flucht

Es waren bange Tage, Tage des gespannten Wartens auf die Berichte von der Front und des Hin-und Hergerissenwerdens zwischen Aushalten wollen bis zum Letzten und In Sicherheit bringen wollen des Jungens. Es war ja noch all dem Vorhergegangen sicher, daß beide Jungens von den Russen verschleppt werden würden, wenn sie wirklich bis in unser geliebtes Oberland vordringen würden. Am Mittwoch, den 17. Januar, und Donnerstag, in den Frauenhilfsstunden, habe ich es dann auch unseren Frauen gesagt, daß ich im Notfall die Kinder ins Vogtland bringen würde und selber noch einmal zurückkommen würde. Am Freitag war es klar, daß es keine Aufhalten mehr geben würde, ich meldete deshalb die Kinder von der Schule ab, sie sollten am Sonnabend früh geholt werden und am Montag wollten wir dann reisen. Am Sonnabend vormittag strömte viel Militär und ununterbrochene Flüchtlingetrecks durch unser Dorf, ich packte und wartete voller Sorge auf den Schlitten mit den Kindern. Endlich waren sie da, ein bißchen vorwurfsvoll, weil die Kameraden sie Feige genannt hatten. Als sie dann aber von unserem Vertreter hörten, daß keine Zeit zu verlieren sei, sondern noch am selben Abend gefahren werden müsste, packten sie ohne Widerspruch ihre Sachen um. Unsere Fluchtlinge aus dem Haus sollten auch in 2 Stunden abmarschbereit sein zum Weitertrecken. Wir ließen alle fertig gepackten Kisten und Truhen stehen und nahmen uns Koffer, Rucksäcke und eine kleine Kiste voll Lebensmittel mit. Zum 2. Mal fuhr Herrn Schikowskis Schlitten nun mit uns nach Mohrungen. Schimachers kamen auch nach langen Drängen und Bitten mit. Unsere Fell

 

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sperrten wir in den Hof von Fleischer Ottos damit er keine Not leiden sollte. Der Abschied von Schikowskis war Herzergreifend, auf mein Bitten, mir ihr kleines Mädchen mitzugeben sagte er „wir sterben dann alle zusammen. Gott beschütze euch, wir sehen uns nie wieder." Der letzte Gang durch unser friedlich stilles Dorf war wie ein Gottesdienst. Auf jedes Haus erflehte ich im Herzen Gottes Schutz. Ich konnte ja nicht helfen, aber ich kam mir doch wie fahnenflüchtig vor, in der letzten Not nicht bei all unseren Getreuen zu sein.

Dann stiegen wir auf den Holzschlitten und fuhren langsam den altvertrauten Weg noch Mohrungen. Es war oft kein Vorwärtskommen, weil Vieh auf den Straßen getrieben wurde und überall gabs Verstopfungen. Kurt wurde in seinem schwarzen Regenmantel als kleines Leutnant angesehen, wenn er dann nach vorn lief und den Leuten zurief, Platz zu machen. Es klappte auch immer erstaunlich schnell, so daß wir in 2 Stunden Mohrungen erreichten. Die Stadt schlief so friedlich und niemand ahnte, wie nahe die Gefahr schon war. Auf dem Bahnhof sammelten sich mehr und mehr Flüchtlinge, in Vorraum und in Baracken. Wir setzten unser Gepäck zusammen, stellten eine Wache und gingen in ein kleines Stübchen des Bahnhofswirtes, um ein klein wenig zu ruhen, der Zug sollte erst morgens um 5 Uhr fahren. Plötzlich hieß es, der Russe ist schon in Osterode, die Bevölkerung kam zu Fuß oder auf Fuhrwerken angejagt, ganz verstört. Da setzten wir uns mit dem Gepäck auf den Bahnsteig, um sofort einsteigen zu können, wenn ein Transportzug durchkommen würde. Es waren die kältesten Tage des Jahres, Frieder fing vor Kälte an zu weinen, ich wickelte ihn in eine Decke und mein Pelzcape und ging mit Kurt auf und ab; um nichts

 

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anzufrieren. Endlich, endlich konnten wir einsteigen, mit dem schweren Gepäck war es sehr schwerig, aber Gottlob, wir konnten beisammen bleiben, wir drei wenigstens. In Elbing mußten wir umsteigen, da trafen wir mit den lieben Freunden wieder zusammen. Die Züge, die von Königsberg her einliefen, waren schon überfüllt, aber Helfer der Bahn sorgten dann dafür, daß wir alle zusammen in einem Flüchtlingszug Platz fanden mit allen Gepäck. Es fand schließlich jeder noch irgendeinen Sitzplatz, als wir dann wieder fuhren, auch die Weichselbrücken ohne Beschuß passieren konnten, atmeten wir auf und dankten Gott, daß wir gerettet waren. Furchtbar war es in unseren langen, vollen Wagen. Eine alte Frau war irre geworden und ließ Kurt, der neben ihr saß, keine Ruhe, sie kratzte ihn und jammerte, er sei der Teufel. Die ganze Nacht wurde durch dieses Gewimmer gestört und wir waren alle ganz elend. Als der Zug im Schneidemuhl zum ersten Mal auf dem Bahnhof hielt, sind wir ausgestiegen. Es war eigentlich sehr unüberlegt, aber Gott hat uns beigestanden. Auf den Bahnsteigen standen Menschen schon 2 Tage, weil die einlaufenden Züge überfüllt waren. Da kam ein Soldat zu uns und sagte, ob wir schnell mitfahren wollen, ihr Transportzug kann ca. 30 Frauen und Kinder mitnehmen. Schnell halte ich die Jungens aus dem Wartesaal, wohin ich sie der Kältewegen geschickt hatte, und als wir gerade das letzte Gepäckstuck in Wagen hatten, und wieder alle beieinander waren, setzte sich der Zug in Bewegung. Unser lieben Soldaten [ill.] tücthig, machten für mich einen Schluck Kaffee aus ihrer Feldflaschen warm und betreuten uns ganz rührend. Ja, da lebten die Jungens schnell wieder auf, auf den Kisten sitzend, wurde gegessen. Auch dafür sorgen die Soldaten, die Kinder bekamen eine Tasse Milchsuppe, auch einen Apfel und unsere Thermosflasche wurde immer mit heißen

 

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Kaffee gefüllt. In [Kustein] steigen Schimachers aus, um nach Berlin weiterzufahren. Wir trennten uns mit Tränen in den Augen. Wir fuhren noch die Nacht durch bis Guben, dort mußten wir umsteigen, hatten aber Glücken, fanden sofort einen Anschlußzug und sogar Platz. Auch da erlebten wir es, wie jeder freundlich helfen wollte. Ein Eisenbahner schenkte den Kindern eine Flasche Schattenmorellen, die ihnen natürlich herrlich schmeckten. Bis Kottbus, war's nicht weit, aber da fing dasselbe Elend an. Hier trafen die Züge von Kottbus [Buslaufer] ein und waren schon so überfüllt, das aus jeden Transportzug Tote herausgeholt wurden. Alle Bemühungen, noch einzusteigen waren vergeblich, bis sich drei Soldaten mit unseren Gepäck beluden und uns in ein Abteil stopften. Aber das mußte geräumt werden für Verwundete, so saßen wir auf den kalten Bahnsteig, nun schon viele Stunden. Der Bahnhofsoffizier, den ich bat, uns zu helfen, holte uns heimlich 2 Schüsseln Erbssuppe, die eigentlich für die Soldaten bestimmt war. Ehe ich sie den Kindern hinter einem [ill.] gab, mußte ich selbst erst ein paar Löffel voll essen, weil er Angst hatte, ich würde zusammenbrechen. Es lief wieder ein Zug auf unseren Bahnsteig ein, ein geheimer Flugzeug transport. Ich ging zum Feldwebel, der den transport mit 10 Flugzeugführer begleitete, und bat ihn, ob wir nicht mitfahren durften, weil ich fürchtete, daß unsere Kinder nicht durchhalten würde. Er schlug erst meine Bitte ab und sagte, es sitzten ja so viele hunderte da, wir durften sie nicht mitnehmen. Als der Zug stundenlang hielt und er unser [ill.] Elend sah, erbarmte er sich und ließ uns ganz unauffällig in ihren Packwagen steigen. Da war es schon eng genug für die Soldaten, aber freundlich ruckten die jungen Flugzeugführer auf ihrem Bett beiseite. Erst versorgten sie uns nochmal mit Erbssuppe

 

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und dann fangen sie stundenlang mehrstimmig mit schönen Solos, es war wirklich ein Genuß und eine Freude, besonders für die Jungens. Am anderen Vormittag wurden wir in Halle auf dem großen Gubenbahnhof abgesetzt, da sorgte der Spiess sehr freundlich dafür, daß sich die Soldaten mit unserem schweren Gepäcke beluden, wir trugen dafür ihr leichten Koffer. Sie trugen es 1/2 Stunden lang zur Elektrischen. Auf dem Hauptbahnhof sah noch einmal der Feldwebel nach uns, ob auch alles geklappt hatte, und ob er uns noch helfen könnte. Auf dem Bahnsteig gab es warme Würstchen und Semmel, haben die Jungens da eingehauen. Ach unser Proviant hätte nie gereicht, hätten nicht liebe Menschen geholfen. Im Zug schenkte ein Soldat den Kindern Keks, überall liebevolles Helfen und Teilnehmen. In Leipzig kam uns der nette Flieger wieder helfen, ich war aber auch völlig erschöpft und fiel unter die Räder. Als wir alles im Plauener Zug verstaut hatten, gingen Kurt und ich mit dem Flieger in den Wartesaal, um ihm für seine Freundlichkeit zu danken. Bis Olsnitz kamen wir nach am selben Tag, dort übernachten wir in einem kleinen Zimmer der Bahnhofswirtschaft auf Sofas, d.h. ich blieb wach und schrieb an unseren lieben Vati, bin dann aber auch auf den Stuhl eingeschlafen, bis mich plötzlich eine Anrufe hochriß, mir war's als würde ich gerufen. Als ich durch den Warteraum ging, war der voll von eben angekommenen Flüchtlingen aus dem Osten. Plötzlich rief jemand, „Frau Pfarrer, Frau Pfarrer" hinter mir. Es waren Familien aus unser Gemeinde, die eben mit einem Transport angekommen waren. Wir konnten es garnicht fassen. Tränen der Freude kamen den armen Menschen nach der furchtbaren Fahrt die sich so verlassen und allein gelassen fühlten. ich mußte ihnen versprochen, sie bald zu besuchen, denn in Augenblick konnte ich nichts für sie tun, weil unser Omnibus abfuhr. Das kleine Stück war dann schnell geschafft, im Bus sprach uns ein Mann an, ob wir zum Lehrer nach Brotenfeld wollte, es war der Mann un-

 

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seren späteren Milchfrau. Er half uns einen Schlitten für unser Gepäck besorgen und so standen wir morgens um 7 Uhr vor der Tür des Schulhauses, das nun unsere Heimat werden sollte. Wir waren dankbar und glücklich, daß diese schweren Tage der Flucht aus unserer geliebten Heimat nun mit Gottes gnädiger Hilfe überstanden waren. Tapfer hatten sich beide Jungens gehalten, stark und zuverlässig, wie ein Kamerad der Sechzehnjährige, zuversichtlich und mutig, Frieder mit seinen zwölf Jahren. Wir spürten es alle, wie die Gebete unseres lieben Vaters uns trugen durch alle Not und Gefahr, wie Gottes Hand uns leitete und schirmte.

 

Brotenfeld

Als die Frage für uns brennend wurde, wohin gehen wir, wenn der Russe in Ostpreußen einbricht, entschieden wir uns für Brotenfeld, einmal, weil wir da liebe Freunde hatten, und dann, weil es so ein kleines Dörflein war, daß das Kriegsgeschehen wohl kaum dahin kommen würde. Wir schickten im Sommer Dinge, die uns lieb und teuer waren dahin, auch Wäsche usw. So fanden wir doch schon etwas vor, als wir nach unserer beschwerlichen Flucht in Brotenfeld ankommen. Unsere Freunde hatten uns schon sehr erwartet, inzwischen war ganz Sudostpreußen von Russen überflutet, es war wirklich die letzte Möglichkeit gewesen, aus unserer Ecke heraus zu kommen. Wir wurden von den Freunden erwartet und lieb empfangen. Zum Ausruhen blieb uns garnicht Zeit, sofort mußte ich alle Dinge in die Wege leiten beim Bürgermeister und in Olsnitz, das ca. 10 km entfernt war.

 

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Die Jungens haben sich tapfer gehalten, der Gegensatz zwischen ihrer schönen Heimat —unseren lieben, großen Pfarrhaus — und den kleinen Räumen der Schule war zu groß. Und sie mußten den ganzen Tag Rucksicht nehmen. Gern schickte ich sie raus in den herrlichen Winterwald. Ganz wunderbar schön war besonders der Mühleweg, den wir gehen mußten, um unser Brot zu holen. Nach einigen Tagen [ill.] unser Stübchen, das kleine war wie ein Vogelbauer (2x 2 1/2 mtr) ein kleiner Herd. Die Jungens holten Reisig und Holz aus dem Wald und wir lebten nun ganz für uns allein. Unser Freund war in Laufe der Jahre ein Pedant geworden und eng, das war für uns eine bittere Enttäuschung. Umso fester schlossen wir uns zusammen und wir fanden die Liebe im Pfarrhaus und bei lieben Frauenhilfsfrauen — Frau von der Planitz, Frau Ficker, und noch viele andere. Unser Frieder war richtig wie ein verstörtes, scheues Rehlein geworden, das tat mir am meisten weh. Es war nur gut, daß endlich auch eine Lösung in der Schulfrage gefunden wurde, und zwar fuhr Frieder nach Falkenstein (ca. 1/2 Stunde Bahnfahrt) und konnte nach Auerbach, 2 Stationen weiter. Wir erlebten eine große Freude als die Lehrer feststellten, daß beide Jungens gut voraus waren, das war uns eine Genugtuung Onkel Rudolf gegenüber, der uns Nachteiliges von Ostpreußen zu sagen mußte und uns schon 3 Tage nach unserer Ankunft sagte, die Ostpreußen waren 20 Jahre hinter der Kultur zurück. Wunderschön waren unsere Treffen mit unseren Horner Frauen und Kindern. Alle drei Wochen trafen wir uns und erzählten aus der Heimat, sangen, ich laß vor und zum Schluß sammelten wir uns um ein Bibelwort, ums uns von daher Kraft zu holen für unser bitterschweres Leben. April ruckte die Front in unsere Nähe; Eines Tages, wir waren gerade von einem Einkauf aus einem Nachbardorf zurück gekommen, fielen die ersten Einschläge in unser Dorf, Amerk. Artillerie. Der erste

 

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Einschlag ging in den Dorfteich, an dem wir 5 Minuten vorher noch standen und uns gefreut hatten. Wir liefen schnell in den Keller, in den ich schon vorher all unser entbehrliches Hab u. Gut geschafft hatte. Dann es setzte ein stundenlanges Beschuß auf unser Dorfmitte ein, die Schule war ein Ziel und wurde schwer getroffen. Kurt war tapfer u. lief noch ein paar Mal zwischen zwei Einschläge nach oben, Betten und Eßwaren unten zu schaffen, oder um schnell zu löschen. Ein paar mal war es so schlimm, daß wir befürchten, die ganze Schule wäre kaputt geschossen. Aber die Jungens saßen still und voller Gottvertrauen auf ihren Koffern, Frieder mit gefalteten Händen u. betenden Lippen, aber so getrost und ruhig. Onkel Rudolf verlor völlig die Nerven. Er befahl uns allen, aus den Keller zu gehen in ein sichereres Haus, seine Frau u. Kinder gehorchten, wir aber blieben zusammen mit der Familie aus Plauens Ingenieur. Abends gingen dann 3 Männer darunter unser Ing., mit der weißen Fahne zu amerik. Posten. Onkel Rudolf war auch allein hingefahren, man hatte ihn das Rad genommen und ihn bis morgens gefangen gehalten. Als wir

 

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am anderen Morgen aus dem Keller kamen, sah es sehr schlimm aus in der Schule; alle Scheiben entrissen u. Löcher in den Wänden, die Bäume u. Zäune zerfetzt — es war unmöglich, darin zu wohnen. Als wir davon gingen, die Glasscherben zusammen zu kehren,

 

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kam Frau Forstmeister Dietterle uns ins Forsthaus einladen, sie sagte, die Beschießung werden noch am Vormittag fortgesetzt. Da sind wir eilig mit Handwagen umgesiedelt ins Forsthaus, das sehr fest und groß gebaut war mit weiten Kellerraum, ähnlich unserem Eckersdorfen. Kaum hatten wir alles in einen Abstellkeller verstaut, da setzte heftiges Beschuß ein u. 4 Treffer fiele in die Gebäude des Forstenmeistern. Nun ging es drei Wochen lang so, Tag u. Nacht, oft mußten wir nachts aus unserem Massenlager auf der Erde in die Keller laufen, ganz nah klatschen die Einschläge ins Dorf, jedes Haus wurde getroffen u. beschädigt. Unsere Einkäufe mußten wir stets in großer Gefahr machen, oft uns hinwerfen, wenn die Kugeln pfiffen — wie schnell lernten wir das alles. Und alles mußte weit hergeholt werden aus Arnoldsgrün u. Zaulsdorf u. Tirzensdorf. Die Amerikaner hielten Tirzensdorf besetzt u. schickten Patrouillen in unser Dorf. An einem frühen Nachmittag wollten Kurt in einer kleinen Beschußpause nach etwas aus der Schule holen, es dauert lange bis er endlich, endlich wiederkam. Es hatte gerade wieder heftig zu schießen angefangen, als er dann bleich und ein bißchen erregt in den Keller kam. Er war in der Schule mit dem ersten Amerikaner zusammen getroffen, den er erst für Onkel Rudolf gehalten hatte. Dann hatten sie sich ganz friedlich englischen unterhalten. Es kam noch zu Straßenkampf u. Toten im Dorf, bis endlich und gültig Amerikaner einrückten und Waffenstillstand gemacht wurde. Wir blieben auf Einladung von Forstenmeisters in Forsthaus wohnen, hatten da ein wunderschönes, großes Eßzimmer mit schönen, alten Möbeln, eine Umgebung, in der wir uns erst mal sehr wohl gefühlten. Kurt kam auf meine Bitte auf dem Ritterguten der Planitz als landw. Lehrling an, durfte dort essen und kam nur abends noch Hause. So konnte er sich immer richtig satt essen in der nun folgenden, schweren Zeit, während Frieder manchen Tag hungerte und einmal mit Tränen sagte, ob ich wohl noch einmal in meinem Leben so viel Brot essen darf, bis ich ganz, ganz satt bin? Wie schwer war mir oft das Herz, wie oft habe ich bittere Tränen geweint. Aber wie oft

 

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haben wir auch kleine Feste zu dritt gefeiert, wenn ich bei einem Bauern wieder mal einen Rucksack voll Kartoffeln bekam u. einen Scheibe Brot dazu — für teueres Geld — dann rückte ich mal mit einer Extrazulage heraus u. das war ein Fest. Reizend hatten die Kinder meinem Geburtstag vorbereitet, Kurt hatte sich bei seiner Chefin eine Flasche Vollmilch u. eine 4# Brote erbeten — sie sollte es ihm abziehen von seiner Verpflegung — und dazu noch 5# Weizenmehl geschenkt bekommen u. brachte mir das alles mit einem schönen Waldblumenstrauß. Das war für uns alle ein Glück und eine Freude. Frieder hatte mir einen schönen Tisch aufgebaut mit einem selbst gemalten u. selbst gedichteten Spruch. Aber die Tage wurde immer schwieriger, Frau Forstmeister neidete Kurt seien gute Stelle und uns die Hilfe, denn Kurt bekam viel Gemüse als dazutat. Dazu holten wir täglich Pilze und Beeren aus dem nahen Wald, viele viele Stunden lang waren wir eifrig beim Sammeln, auch für den Winter. Das alles machte sie nicht, es schmältete ihren Anteil, obwohl sie selbst so übergenug hatte. Da fühlten wir uns mehr und mehr aus noch geduldet und waren darüber sehr unglücklich. Einmal versuchten wir mit einer dann zusammen über die Grenze zu gehen, es gelang uns nicht und wir kamen ziemlich niedergedruckt nach Hause. Da fuhr ich nach Grüna, um zu sehen, ob wir da wohl ein Unterkommen finden. Als unsere lieben Freunde dort hörten wie schwer wir es gehabt hatte all die Zeit, wollten sie uns furchtbar gerne helfen, durften es aber nicht, weil dort auch alle Flüchtlinge räumen sollten. Schließlich erlaubte es der Bürgermeister bei einem 2. Besuch, daß wir in Falle der Räumung nach Grüna ziehen dürften, aber erst, wenn die dortigen Leute raus wären. Das waren bange Wochen des [Zegens] und Hin u. Hergerissenwerdens, dann täglich kamen Anschläge, daß alle Flüchtlinge sich bereit halten sollten, um in Fußtreck entweder nach Thüringen oder Mecklenburg zu kommen. Da entschloß ich mich eines Tages, mit Homer Feinlien zusammen in die Altmark zu ziehen, wo diese Wohnung gemietet hatten. Schnell wurde alles gepackt, mit manchen Lauferei u. Mühe einen Lastzug in Nachbardorf gemietet, so fuhren wir am 27. August früh um 5 Uhr ab mit 60 Leuten

 

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aus unsere Gemeinde in Ostpreußen in eine neue, ganze unbekannte Heimat. Als Ziel hatte ich das Pfarrhaus in Melmeke anzugeben, mir war so leicht und zuversichtlich ja fröhlich zu [ill.], so als wäre dieses Gottesweg mit uns. Und Gott war mit uns, das fühlten wir noch an selben Abend, als wir bittend vor der Tür des Pfarrhauses standen und herzlichen Willkommen u. Aufnahme fanden.

 

Melmeke

Wunderschön war die Zeit in Melmeke. Unser Herz war von früh bis spät vollen Dank gegen Gott und die Menschen, die uns voller Freudnlichkeit und Hilfsbereitschaft aufnahmen. Gleich an ersten Abend spurten wir es, daß hier ein ganz anders Geist herrschte; als wir unsere Brotbüchse versuchten, um noch ein Stuck trocken Brot zu essen, wurden wir von der lieben Frau Pastor Lagemann lachend an einem nett gedeckten Abendbrottisch geführt, an dem wir uns nach Herzenslust satt essen durften. Ein paar Tag waren wir Gäste im Pfarrhaus, das waren so richtige Ferien für mich, wir durften alle Sorgen vergessen, brauchten nicht täglich 2x in den Wald zu laufen, um zum Essen herbeizuschaffen, sondern konnten uns richtig satt essen und ausruhen, die Jungens helfen Birnen und Pflaumen pflücken u. durften dafür Obst noch Herzenslust schmausen. Im Vogtland hatte man ihnen nicht eine Handvoll Beeren geschenkt und an diese Freundlichkeit und Großherzigkeit der Menschen, das war Medizin für unsere müden Herzen. Unsere Friederspatz lernte wieder

 

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sein glückliches, fröhliches Lachen, mit dem er sich schnell viele Freunde eroberte. In den ersten Tagen versuchte ich mit Kurt eine Wohnung an der Reichsbahn nach Salzwedel zu finden, falls die Schule beginnen sollt, da Melzmeke leider nur Kleinbahn hatte. Aber es glückte nicht, weil wir auch nicht allzu sehr dahinter waren, es gefiel uns so gut in dem sauberen, netten Dörfchen Melmeke. So beschlossen wir auch, dort wirklich wohnen zu bleiben. Wir fanden ein Stübchen in der Molkerei, das hübsch friedlich war. Auch die alten Herrschaft waren freundlich und oft hat Frau Reinicke uns eine kleine Freude gemacht mit Quark oder Gemüse oder eine Tasse Vollmilch. Kurt sollte wieder anfangen, bei einem Bauren zu helfen, erst war er bei unsers Frau Heiser, er mußte helfen, die Milchkannen an den Bauern abzuholen. Nach einer Woche wurde eine Stelle frei bei dem Vater von Frieders neuen Freund. Rührend waren alle in der Familie Haase darauf bedacht, Kurt hochzufüttern, mit dem Erfolg, daß er 14 Tage lang furchtbar Durchfall hatte, weil der Magen das Fett nicht vertrug. Dann aber bekam er trotz der schweren Arbeit dicke Backe und strammen Beine und von heben die Säcke eine breite Brustkasten, sodaß Vati's Jacke ihm zu eng wurde. In der Kartoffelernte half auch Frieder und ich bei dem Bauern Haase mit, wir verdien-

 

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ten uns unser Wintervorrat — 15 Ztr. herrliche Kartoffeln. Außer den Kartoffeln gabs noch eine fabelhafte Verpflegung. In großen Körben wurde das Essen mit aufs Feld genommen — frisches Bauernbrot u. Weißbrot, mehren Sorte Wurst, Schincken, Sulze u. Speck. Und immer wurde genötigt, tüchtig zuzulangen. Das ließen wir uns alle nicht noch einmal sagen, und alle bekamen wir fesche, dicke Backen trotz der Arbeit. Zum Abendbrot gabs dann zu Hause noch eines warmes Essen mit Suppe, Brot, u. Obst, wir waren einfach sprachlos. Obendrein bekamen wir noch ein Stückchen Speck geschenkt. Kurt bekam als Gehalt 50 RM, in Rittergut 20, sodaß er eine zeitlang richtig unser Ernährer war. Damit Frieder nicht ganz verbummelte, mußte er mit Frau Lagemanns Kinder ein paar Stunden an Tag Schule haben, Rechnen, Deutsch, u. Religion bei Frau Lagemann, Englisch bei mir. Auch Klavierunterricht erteilte ich, weil ja in dem Dörfchen keine Möglichkeit dazu war. Wir hatten tüchtig Obst an der Sonne getrocknet u. auch eingekocht, Holunderbeeren u.Äpfel für den Winter, dazu das getrocknete Gemüse u. Pilze für den Winter wollten wir besser gerüstet sein. Am 2. Okt. fingen die Oberschule in Salzwedel an, ich fuhr hin um Frieder anzumelden u. um für Kurt Bücher auszubitten, er sollte bei Pastor Pomser Stunde haben,

 

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bis Ostern aber bei Haases bleiben, um uns dadurch alle zu versorgen. Da kam am 3. Okt. ein Brief von Tante Springer aus Mettingen, daß wir zu ihr kommen durften, sie nähme uns auf. Nun gab es für mich keine Halten, daß Kurt noch ein 2. Jahr so verbummeln sollte, war mir zu schwer. Ich führ noch am selben Nachmittag mit einem Lastauto nach Haldensleben, um mich über die Grenze zu erkundigen. Im Pfarrhaus sagte man mir, daß täglich tausende mit viel Gepäck übergingen u. die Sache einfach sei. So fuhr ich am anderen Morgen nach Hause, nachdem ich noch den Pfarrer von der Grenzstadt Weferlingen angerufen hatte, es war unser ostpr. Pfarrer Lehmbruch der in der Nähe von Pr. Englen gewohnt hatte u. bei dem unser lieber Vati eine Woche evangelisiert hatte. Er versprach uns zu helfen u. für die Nacht aufzunehmen. Zu Hause angelangt, wurde sofort der Wichtigsten gepackt, es wurde ca. 3 Uhr, Ein jeder ein paar schwere Brocken. Dann Rast, ca. 12 Uhr in Kiste u. Säcken verpackt, ließen wir in der Molkerei stehen, es sollte von Frau Wiltlanz Horn mit einem Lastauto nach Weferlingen gebracht werden, von da wollten wir ihn uns holen. Am Abend des 4. Okt. gingen wir alle lieben Freunden Lebenwohl sagen, aber wir waren unserer Sache doch nicht ganz sicher und furchten, daß es wieder schief gehen würde. Aber wir mußten ja, wohin wir alle Sorgen im Gebet tragen durften und wer

 

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mit uns sein würde auf dem schweren Weg.

 

Grenzübergang

Am 4. Okt. früh fuhren wir mit unseren schweren Gepäck über Beckendorf- Öbisfelde-NeuHaldensleben nach Weferlingen. Die Fahrt allein war schon aufregend, es war eine Fülle und eine Rücksichtslosigkeit, jeder war nur auf sich selbst bedacht. In Öbisfelde fanden wir ein junges Ehepaar, das mit sehr viel Gepäck sich abquälten, der Mann kriegsbeschädigt. Da haben wir ein bißchen mitgeholfen beim Umsteigen u. Aufpassen aufs Gepäck, es ergab sich, daß das sehr praktisch war, da dadurch schon wieder Plätze im Zug gesichert wurden u. es sich auch besser in Gesellschaft fuhr als allein. So blieben wir auch weiter zusammen. In Haldensleben wars fast unmöglich, in die Guterwagen zu kommen, aber schließlich standen wir doch wie gepökelte Hering fast aufeinander, es fing an zu regen u. alles wurde naß u. schwer. Stundenlang dauerte die Fahrt im offenen Guterwagen, es war eine gequälte Stimmung, die meisten wußten nicht wohin tun in der dunklen Nacht, im strömenden Regen. Auf dem Bahnhof Weferlingen riefen wir erst mal Pfr. Lehmbruch an u. baten um einen Wagen, er kam selbst uns abholen und wir fanden sehr freundliche, herzliche Aufnahmen in dem großen

 

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schönen Pfarrhaus. Auch das Ehepaar Esser fand ein warmes Plätzchen auf einer [ill.] sodaß wir uns bald aufwärmten u. ganz ruhig zu Bett gingen. Allerdings riet unsere Gastgeber beim Blick auf unser Gepäck, wir sollten über die Hälfte dalassen u. wiederkommen, sonst würden wir bestimmt nicht überkommen. Morgens um 6 machten wir uns auf den schweren Weg, wir hatten doch alles Gepäck mitgenommen und wollten es erst mal selbst ersuchen. Gleich in der Nähe des Ortes kamen die ersten Posten u. riefen: zurück, zurück, schwangen ihr [Kluben] u. jagten alles zurück, was nun gerade zu gehen wollte. Manche hatten Schnaps oder Uhren bei sich, bestach den Posten u. durften durchgehen. Wir kehrten um, gingen dann einen kleinen Wiesenweg entlang, immer in Blickfeld der Posten, die aber hin u. herlaufen mußten, um die Menschen zu beherrschen. In einem günstigen Augenblick hatten wir uns bis zur Straße herangearbeitet und werfen uns blitzschnell in Deckung an der Böschung, weil der Posten gerade wieder angelaufen kam, er blieb über uns stehen und rief den uns nachgekommenen Menschen zu: Zurück, zurück. Uns sah er nicht, wir lagen bange, bange Minuten u. fürchtete jeden Augenblick, verprügelt zu werden. Zu uns hatte

 

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sich noch eine Familie gesellt, Mann, Frau u. 13 jähr. Sohn. Die beide Kriegserfahrenen Männer erfaßten den rechten Moment, wo wir sprung auf marsch marsch über die Straße in den Wald hinein mußten, es knallte ab u. zu ein Schuß, es war wirklich kritische Stimmung. Gott hat uns wunderbar beschützt, trotz des furchtbar schweren Gepäcks, das wir uns für 200 mtr. von Schlagbaum zu Schlagbaum tragen wollten, kamen wir ungesehen in den Wald. Hier ließen wir uns ein bißchen Zeit, um nicht außer Atem zu kommen, u. setzte öfters das Gepäck ab. So hatten wir uns ein Stuck vorn gearbeitet, ca. 300 mtr. vor der Grenze rief plötzlich ein Posten, halt stoi: Wir legten uns aufs Bitten, es half nichts, er fing an zu durchsuchen. Und zwar bei Kurt, der in seinem Mantel so gepflegt aussah, während wir schon richtig wie Stromer aussahen. Er fand einen Kompaß, werf ihn auf die Erde u. stampfte ihn ein, dann befahl er, Koffer aufmachen, ich hatte alles Silber in kl. Handkoffer [unverschämt]. In den Augenblick kam ein Wagen mit russ. Offizieren, der Posten schrie uns an, zurück, stieß Frau Esser den Kolben in den Rücken u. wir eilten mit unserem Gepäck zurück. In der Nähe war eine Baracke, darauf gingen wir zu, um erst aus dem Blickfeld des Postens zu kommen. Da kam hinter der Baracke ein russ.

 

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Radler hervor, sagte: Alles popolski? weil wir in der Richtung nach Magdeburg gingen, und ging dann weiter. Nun war uns die Baracke doch zu unsicher, wir schlichen in ein großes Loch, das durch Busche gut gedeckt war, außenden halten die Jungens noch ein paar große Farnblätter u. ausgerissen kl. Tännchen. Dann rutschten wir alle erschöpft in das Loch — starrte erst mal verzagt vor uns her. Dann wurde erst mal gehörig gegessen, es war längst Mittag. In der Nähe, ca. 100 mtr vor uns, arbeiteten plötzlich ein paar Russen im Wald, es war wirklich nicht geheims. Nachdem wir eine Weile ausgeruht hatten, beschlossen wir, weiter zu kriechen, erstmal auf allen Vieren das Gepäck rauszuschaffen u. weiter zu sehen. Ich mußte ein paar Mal hin u. her, weil es anders nicht zu schaffen war. Tapfer hielt beide Jungens mit, ohne zu jammern oder umkehren zu wollen. Als wir das letzte Mal etwas unvorsichtig waren und uns aufrichteten sahen uns die Russen und schossen hinter uns her; der Schuß ging Gottlob viel höher u. weiter ab, wir warfen uns aber sofort wieder hinter Farrenkraut in Deckung und suchten die anderen, die mit weniger Gepäck schneller voran kamen. Endlich kamen von der anderen Seite 2 Männer, die uns ausführlich Bescheid sagten, auf das es nur noch

 

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1 gute Stunde Weg sei. Aber daß erst dann der Hexentanz u. die Knallerei richtig losginge. So sind wir in der angegebenen Richtung wieder weiter gegangen jetzt fast erschöpft von Schleppen. Unserer Bettensack zogen wir Bergab hinter uns her, dadurch wurde es noch schwerer, Kurt u. ich zwangen ihn kaum allein, dazu hatte jeder noch immer schweren Koffer, Kurt einen Rucksack wie von Eisen u. ich 2 Ledertaschen um den Hals gehängt. Frieder hatte den Silberkoffer u. einen bedenklich schweren Rucksack, den Kinder kamen fast die Träne vor Erschöpfung u. doch gabs keine Halt. Da haben wir das Gepäck vorgeschafft, mit Frieder stehen gelassen u. ich bin schnell nochmal zurück, um Kurt zu helfen. Immer wieder sagte ich nun betet nur, Gott kann uns die Kraft schenken, es zu schaffen. Nachdem wir eine Straße überquert hatten, kam die kritische Stelle. Schon von weiten hörten wir Menschen schreien u. dazwischen fluchen u. schimpfen. Dann kamen Scharen von ausgeplünderten Menschen zurück, die der Posten verprügelt hatte auch scharf geschossen war, es hatte 5 Verwundeten u. Tote gegeben. Wir versteckten uns wieder in Dickicht, weit auseinandergezogen, die Männer gingen an die Straße, um sich noch der Richtung umzusehen. Plötzlich kam Herr Esser zurück und sagte, eben kam ein jung. Mann vorbei, der will

 

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uns führen, 50 RM pro Person, erst zu bezahlen, wenn wir sicher auf engl. Gebiet sind. Das war uns richtig ein Retter in der Not, den unser Hab — Gut war uns die 150 RM schon wert. So vertrauten wir uns dem jg. Menschen an. Er brachte erst einen Teil der Sachen mit allen fort bis zur Hälfte des Weges, ich blieb bei dem restlichen Gepäck zurück, direkt unter mir war der erste Grenzbaum, die Russen eilten hin u. her — und haben mich nicht gesehen. Eine ganz große Ruhe u. Zuversicht war über mich gekommen, nun ich wußte, es wurde geschafft. Gott hat eine Mauer um uns gebaut, daß der Feind, den wir oft ganz dicht vor uns sahen, uns nicht erblickte. Die Frauen u. Frieder blieb dann zurück, während der Führer, die Männer u. Kurt mich holen kamen u. das restliche Gepäck. Dann ging es noch einmal mit letzter Kraft bergan mitten durch dichtes Gestrüpp. Direkt hinter den Schlagbaum konnten wir nicht mehr, warfen uns lang ins Gras u. streckten uns erschöpft aus. Da hatte einer eine Flasche Schnaps, jeder bekam einen Schluck davon, auch Kurt. Und das half wieder hoch, denn noch waren wir ja nicht in Sicherheit. Ein paar hundert Meter weiter ließ uns der Führer allein, nun konnte man nicht mehr fehlgehen. Ich ging mit Frieder mit einem Koffer zum engl. Camp, dort bat ich mit meinem biß-

 

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chen Schulenglisch 2 engl. Soldaten, uns helfen zu kommen. Schon nach ein paar Schritt stellten sie ab und waren müde, immer wieder sprachen sie mit Kurt, daß es doch nicht möglich war, allein die schwere Last zu tragen. In engl. Camp bekamen wir frisches Trinkwasser, das erste des Tages, es war 5 Uhr abends als wir anlangten. Dann kamen Ochsenwagen u. Kurt lud alles Gepäck mit den Männer auf u. fuhr damit nach Graßleben, den Berg herunter. Wir Frauen gingen zu Fuß vor, ich suchte den dortigen Pfarrer auf, fand ihn aber nicht zu Hause u. wurde zu seiner Braut in die Volksküche geschickt. Als ich sie bat, ob wir wohl hier übernachten könnt, riet sie uns, sofort mit Omnibussen nach Helmstedt zu fahren, nannte mir die Anschrift von Probst Padel, der uns wohl versorgen würde zur Nacht. Sie selbst machte uns noch allen (auch unsere Weggenossen) belegte Brote u. schickte alles mit einer Kanne Kaffee zu Autobus. In langen Reihen fuhren Lastautos u. Busse regelmäßig die 3-4000 Flüchtlinge u. Grenzgänger nach Helmstedt, es ging alles im vorbildlicher Ordnung, deutsche Polizei überwachten die Abfahrt u. halt auf wohl. Um 8 waren wir in Helmstedt u. wurde leider zu früh abgeladen, der Bahnhof war schon überfüllt von Flüchtlingen. So suchte ich erst Probst Padel auf. Bat um Aufnahmen in einem Gemeinderaum oder ähnl. Wir wollten nicht in die Massenlager gehen, die

 

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auch bereit standen. 3 Handwagen voll Gepäck holten wir in 3 Etappen mit einem kl. Jungen des Probstes ab u. bekamen einen Raum in Kindergarten angewiesen. Auf 2 kl. Kinderliegestühlchen schliefen wir, nachdem wir uns gesäubert hatte u. mit heißen Kaffee, den Frau Padel selbst uns brachte, erfrischt hatten. Früh um 6 gings wieder los auf Erkundung, wir schafften das Gepäck um zu Güterbahnhof u. stellten uns dort in der ersten Reihe von 4000 Menschen auf, wir Frauen gingen Verpflegungsmarken fassen, das kostete Entlausung, dann aßen wir in einem [ill.] u. holten kalte Verpflegung ab, um 4 Uhr war alles wieder am Bahnhof zum Verladen. Das ging tadellos, Engländer gaben Order u. eine kleine [ill.] wurde verladen. Um 6 Uhr fuhr der Zug los, nachts um 2 Uhr hielten wir eine Station vor Osnabrück. Das war dann nochmal eine schwere Nacht mit viel Ungeduld u. langen Warten. Die Lastautos, die um 7 Uhr kommen sollten, kamen erst um 12, aber mit einem der letzten kamen wir dann auch nach Osnabrück. Der Zug nach Mettingen fuhr um 1/2 2 Uhr ab, wir fanden noch hilfreiche Hände, die uns mit tragen helfen, denn nun war es einfach nicht mehr zu schaffen. Um 1/2 3 Uhr waren wir in Mettingen, völlig unerwartet. Herzlich und lieb war der Empfang, den wir hier von Tante

 

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Else Springer hatten. Es gab ein Erzählen ohne Ende, ein liebevoll bereitetes Essen und dann gings erst mal zu Bett, um nach aller Aufregung und Anstrengung auszuschlafen. Erst haben wir ein Dankgebet aus übervollen Herzen zu unserem Vater im Himmel gesandt, der uns in aller Gefahr behütet hat und uns die Kraft schenkten, übermenschlich schweren Last zu tragen.

 

Mettingen

Schon wie bei uns daheim ist es in lieben Mettingen Pfarrhaus. Liebe und Herzlichkeit machten uns die Zeit, die wir nun hier leben, schön. Wir gehören nun mit zur Familie, deren lieber Vater leider noch in Rußland vermißt ist. Ernst Gottfried war bald der besonderen Liebling unser Jungens, zu Brigittchen fanden sie nicht gleich so das richtige Verhältnis. Tante Else lieben wir alle, nicht nur, weil sie uns nun hier eine Heimat geschenkt hat. Man muß sie lieb haben, weil sie so ein warmes Herz hat. Beide Jungens haben ihre Freunde, gehen wieder zur Schule, Kurt in Klavierstunde u hat außerdem die Möglichkeit, sein Malstudium bei Herrn v.d. Denck zu erweitern. Das Leben in einem richtigen Pfarrhaus ist sowieso Heimatluft. Darüber vergessen wir zwar nie unsere ostpreußische Heimat. Die Sehnsucht und das Heimweh danach überkommt uns

 

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oft und das Herzeleid unsere liebe ostpreußischen Gemeinde druckt uns schwer.

 

2. Grenzübergang

Als wir uns ein paar Wochen ausgeruht hatten, wollten wir unser großes Gepäck — 3 gr. Kisten u 3 schweren Bücherkartons, dazu Handgepäck — holen fahren. Wir machten uns auf den Weg, Kurt u. ich, ehe es ganz kalt wurde u. regnerisch. In Hannover hörten wir so eine Schauergeschichte von Weferlingen, daß wir die eben gelösten Fahrkarten umtauschten und nach Göttingen zu Onkel Karl weiterfuhren. Das waren zwar ein paar schöne Tage, als ich aber auf der Ruckfahrt viele Grenzgeher traf, die gut durchgekommen waren, stand es für mich fest, daß wir es doch noch einmal wagen müßten. Eine Woche später fuhren wir dann nochmal Richtung Grenze, Herr v.d. Denck fuhr mit, seine Familie aus Berlin holen. In Braunschweig sollten wir erst in Bunker übernachten, als wir vor der Entlausungsspritze standen, bin ich ausgerückt u. noch abends haben wir an einem Pfarrhaus geschallt. Wir wurden herzlich u. gastlich aufgenommen, trotzdem die Hausfrau krank zu Bett lag. Das Studien-Zimmer, geschmackvoll u. schön eingerichtet, wurde uns geheizt u. 2 Lager geschaffen. Herr v.d. Denck schlief in der Küche. Am anderen Morgen führen

 

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wir nach Helmstedt-Graßleben, Schare von Grenzgänger, besonders Polen u. Soldaten, stiegen aus. Man sagte uns gleich, daß es nicht möglich ist, am Tag rüberzukommen. Wir sind zum Grenzbaum gegangen, weil Herr v.d. Denck ein Schreiben der [ill.] Kirche mithatte, aber das erkannte der Posten nicht an. Also hieß es, bis zum Abend warten. Ich suchte den Pfarrer auf, der uns zu Verpflegungsmarken verhalf u. uns einen Führer besorgte. Abends um 10 Uhr wollten wirs wagen, mit 2 Führern überzugehen, 7 Personen im Ganzen. Wir wollten den kurzen Weg von 'A St. über Wiesen und Felder nehmen. Ganz kurz vor dem Ziel, das wir schon vor uns sahen, rief plötzlich ein Posten halt, stoi, Hände hoch. Und schoß ein Warnungsschuß los. Dann kam er auf uns zu, wir mußten uns setzen, Hände hoch, und einzelne vertrat zu durchsuchen. Ich war die einzige Frau dabei und die 2., die dran kam. Aber er tastete nur an den Taschen entlang, das Geld auf der Brust hatte er nicht gemerkt. Kurt sah er wieder für einen SS Mann an, knuffte ihn mit dem Gewehrkolben u. schrie ein paar mal: ich dich machen kaputt, du Hund. Weil Kurt ihn nicht das Taschenmesser gegeben hatte, wie er befohlen hatte. Ich habe große Angst um den Jungen gehabt, an dem er lange

 

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herumsuchte u. ihm auch Kannen u. Messer wegnahm, da zu einen Rückstrahler, der an Ernst Gottfrieds Bollerwagen sollte. Herr v.d. Denck kam auch übel dran u. wurde tüchtig ausgeplündert, die anderen auch. Und dann mußten wir zurück gehen, uns waren alle Felle weggeschwommen u. wir hatten keine Lust, das noch einmal durchzumachen. Nachts schliefen wir in einem Raum der [ill.], hörten immer wieder Menschen losmarschieren oder von drüben überkommen, da dachte Kurt, noch einmal wird's versucht. Am anderen Morgen weckte mir die Führer und gingen dann auf dem weiten Waldweg wie das erste Mal. Da wir alle leichtes Gepäck hatten, gings im Gewaltmarsch. Einmal stießen wir auf einen Wagen mit russ. Soldaten, schnell rutschten wir den Abhang rüber u. lagen still in Deckung. Noch einmal ging es gut ab, und wir kamen [endlich] gut im Weferlingen an. Da erlebt wir die 2. Enttäuschung, das Gepäck war nicht da. Wir mußten zur Altmark rauffahren, um es zu holen. Das kostete wieder eine Nacht im Obisfelder Pfarrhaus. Am anderen Mittag kamen wir in strömenden Regen in Melmeke an, durchnaß geregnet. Hier erfuhren wir, daß zeitweise die Grenze 6 km. ab aufgewesen ist. So beschlossen wir, alles auf eine Karte zu setzen, und fuhren an anderen Mittag mit Herrn Haases Kastenwagen bis zur Grenze. Ich ging zum Kommandanten u. bat ihn, über die Grenze zu dürfen. Darauf sagte er, ja ja, er trank mit [ill.] Offizieren u. ich machte, das ich fortkam.

 

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Der Posten an Grenzbaum wollte ein Schreiben des Kommandanten haben, aber ich hatte nicht mehr den Hut, noch einmal hinzugehen. So ging er selber, brachte der Kommandanten mit u. befahlt, alle Koffer u. Kisten aufzumachen. Kurt. u. Herr Haase mußten helfen aufzupassen, aber ehe ich es mich versah, stahlen mir der Kommandant einen Anzug u. draußen auf den Wagen stahl ein anderer Kurt den 2. Anzug. Ich kam gerade dazu, als ein anderer Russe die kostbare Geige nahmen wollte, nahm sie ihm aus der Hand u. sagte, alles kaputt, nicht Geige nehmen. Darauf sagte ich zu Kurt, ich fahre zurück u. beschwere mich, daß sie sich hier so bestohlen haben. Da verstanden die Kerle plötzlich Deutsch u. der von Schlagbaum sagte, du kannst überfahren mit Wagen ins engl. Lager. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen, ließen die Kisten offen u. fuhren los durch den Schlagbaum ins engl. Auffanglager. Nach der Registrierung u. Entlausung gings noch am selben Abend ins Sammellager, ein Zeltlager für mehr als 2000 Menschen. Nach einer guten Verpflegung — Milchsuppe — Honig u. Pellkartoffeln — gingen wir in unser Zelt, das Kurt u. ich allein bewohnte. Es war völig durchnäßt, auch das Stroh, auf dem wir schliefen, ebenso unten eine kleine Decke. Wir haben kaum geschlafen in der Nacht, der Regen strömte unentwegt, am anderen Morgen stand es bei uns fest, daß wir nicht noch ein paar Tage auf einem Wintertransport warten wollten. Am selben Morgen fuhr ein Lastwagen nach Hannover, nach einem guten Trinkgeld holten die

 

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Soldaten uns die Sachen auf das Lastauto zu verstauen u. wir fuhren im ersten Schneetreiben auf den Kisten sitzend los. Am Nachmittag hielten wir in Hannover auf dem Hauptbahnhof. Ein Gepäckträger half uns, die Sachen zur Gepäckannahmen zu schaffen, schnell wurde alles beschriftet u. als Begleitgut aufgegeben. Nur die großen Kisten von 3 Ztr. nahmen sie nicht an. Die mußten in einem Pfarrhaus übergestellt werden. Es war nicht einfach, in dem verschossenen Hannover eins zu finden. Die 2 Söhne des Pfarrers kamen mit u. helfen die Kisten aufladen u. nahmen sie mit nach Hause. Wir erreichten noch den Zug noch Bielefeld, übernachten dort in Wartesaal u. waren an anderen Mittag zu Hause. Nach einer Woche waren alle Kisten u. Säcke wohlbehalten angekommen. Und zu Advent fuhr Kurt allein nach Hannover, die großen Kisten umzupacken und zu holen. Er mußte sich dazu rechtschaffen durchschlagen, mit der Karre eines Eisenbahners holte er sich abends seine Kisten zur Bahn, schlief nachts in Wartesaal u. war anderen Abend wohlbehalten hier. Auch dieses Gepäckstück kamen pünktlich hier an, wann auch viel Geschirr, das in den Kisten verpackt war, kaputt war. Nun war unser abenteuerliches Wanderleben beendet, Gott sei Dank, hier durften wir uns ausruhen nach aller Unruhe und dafür sind wir Gott von ganzen Herzen dankbar, der uns auf allen Fahrten wunderbar beschützt hat.

 

 

 

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